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Fotograf im Höhenrausch

23.11.2017

 

Klaus Fengler geht an seine Grenzen, aber im Fokus stehen andere: Der Fotograf begleitet Felskletterer wie Stefan Glowacz an die steilsten Wände der Welt und liefert die spektakulären Bilder, die uns in Erinnerung bleiben. Nebenbei erlebt er seine ganz eigenen Grenzerfahrungen.

 

Manche kennen diese Angst: im Traum zu fallen. Aber das hier, das ist kein Traum. Als Klaus Fengler im Halbschlaf das Reißen seiner Hängematte bemerkt, stürzt er tatsächlich. In den Tod, beinahe. Gerade noch hat er mitten in der 700 Meter hohen Steilwand des Tafelbergs Roraima im Dreiländereck von Brasilien, Venezuela und Guyana gehangen, jetzt rollt er aus der kaputten Hängematte auf einen schmalen Felsvorsprung – und weiter über den Abgrund. Bis – endlich – das Seil an seinem Sicherungsgurt greift. „Ohne“, sagt Fengler heute mit ruhiger Stimme, „wäre ich abgestürzt.“

 

Es ist nicht die erste Grenzerfahrung des Bergsteigers aus dem bayerischen Bischofswiesen am Königssee: Im patagonischen Inlandseis verwehte einmal ein Schneesturm nachts sein Zelt wie unter einer Lawine. „Du wachst morgens auf, es ist völlig still – und um das Zelt herum ist alles hart gefroren.“ In Brasilien wiederum pendelte er einmal an einem Seil, das – wie er dann panisch bemerkte – an einer Stelle vom Gestein fast durchgescheuert worden war. Einige Meter über ihm, unerreichbar. „Da wird einem echt anders.“ Es hielt, zum Glück.

 

Aus der Sicht von Klaus Fengler: Der Kletterfotograf dokumentiert am Mount Roraima wie Holger Heuber seinen Kletterkumpanen Stefan Glowacz sichert. (Copyright: Klaus Fengler)

 

Spektakuläre Fotos vom Bergsteigen

Wenn Klaus Fengler so etwas erlebt, hat er in der Regel keinen Anlass, davon zu erzählen. Obwohl er schon die außergewöhnlichsten Berge der Welt bestiegen und die kältesten Regionen der Erde bereist hat, gehören Ruhm, Helden- und Abenteuergeschichten immer den anderen. Denn: Der gebürtige Norddeutsche steht im wahrsten Sinne nicht im Fokus. Er ist der Mann hinter der Kamera. Der Kletterfotograf, der auf spektakulären Fotos zeigt, wie andere Bergsteiger – Stefan Glowacz, Holger Heuber, der verunglückte Kurt Albert – die Kräfte der Natur besiegen.

 

Kurt Albert steigt an den Fixseilen zum letzten Standplatz. Fengler fotografiert ihn dabei. (Copyright: Klaus Fengler)

 

Wie das vonstattengeht, ist für Fengler schnell erklärt: Vom Fuß eines Felsens steigt der erste Hauptakteur los ins Niemandsgelände, also mit gelegten Sicherungspunkten bis zum ersten gebauten Standplatz. Diese Sicherungspunkte können im Fels gelegt sein, manchmal bohren Bergsteiger aber auch Bohrhaken in den Felsen. Der zweite Bergsteiger folgt an der Wand und löst auf dem Weg die überschüssigen Sicherungspunkte, ehe Fengler an einem fixierten Seil nachsteigt. „Vom Standplatz aus mache ich dann Fotos.“

 

Diese Schritte wiederholen sich bis zum Gipfel. Manchmal lässt Fengler einen Kletterer unterwegs noch mal in der Wand zurückgehen, damit er Fotos von oben machen kann. „Ich klettere da nie“, sagt Fengler zurückhaltend.

 

Ausrüstung: Achtzig Kilo pro Person

Dennoch: „Was die Leute nicht sehen, ist die Arbeit, die hinter solchen Aufnahmen steckt.“ Über das Abenteuer am Roraima-Tafelberg zum Beispiel ist der Dokumentarfilm „Jäger des Augenblicks“ entstanden. Um die drei Kletterer, zwei Filmteams und den Kletterfotografen in mehreren Tagen durch den schlammigen Urwald an den Fuß des Berges zu bringen, waren rund vierzig Träger für die Ausrüstung notwendig. Etliche Kilo Gepäck kamen da zusammen für Seile, Haken, Zelte, Stromgenerator et cetera. Der Film zeigt davon zu Beginn einen romantisierten Bruchteil, danach gehört die Geschichte allein den drei Extremsportlern.

 

Aber es gibt auch die einsamen Expeditionen, wie jene beispielsweise nach Baffin Island im kanadisch-arktischen Ozean, bei der jeder Teilnehmer etwa achtzig Kilo Ausrüstung auf einem Schlitten, dem sogenannten Pulka, hinter sich herzog. Klaus Fengler allein hatte 26 Kilo Essen dabei – und zwei Kameras, fünf Objektive, Speicherkarten, Akkus, Laptop, Festplatten. Oder die Expedition ins patagonische Inlandseis, als es nachts so stürmisch war. Nur zu dritt waren sie dort unterwegs, 45 Kilometer zum Felsmassiv San Lorenzo. „Ich mag diese Abenteuer, total auf sich gestellt in einer menschenfeindlichen Gegend, zehn Tage vom nächsten Dorf entfernt. Da muss man echt aufpassen mit seinen Ressourcen.“ Wehe, es funktioniert dann etwas nicht – wie etwa das Solarpanel zur Stromerzeugung. An einem einzigen Tag musste Fengler eine Marathonstrecke in die letzte Siedlung zurückgehen, um an Strom zu kommen.

 

Als Stefan Glowacz, Holger Heuber und Kurt Albert in der Wand des Mount Roraima biwakierten, entfernte sich Klaus Fengler ein wenig, um dieses Foto zu machen. (Copyright: Klaus Fengler)

 

Kletterfotos für Vorträge und Marketing

Auch diese Geschichten bleiben normalerweise im Verborgenen. „Letztlich ist es Arbeit: Wer die Expedition finanziert, will einen Nutzen, der Kletterer will einen Nutzen und braucht Bildmaterial für seine Vorträge. Durch Fotos haben sie Öffentlichkeit.“ Kurzum: „Das ist knallhartes Geschäft.“ Und Fengler trägt einen Teil dazu bei, indem er seine Arbeit macht.

 

Der bescheiden erzählende Fotograf, Jahrgang 1963, geboren in Helmstedt bei Braunschweig, grämt sich dennoch nicht, der Mann im Schatten zu sein. „Hinter der Kamera fühle ich mich wohler als im Rampenlicht.“ Zwar hätten sie bei der Baffin-Island-Expedition versucht, ihn als Teil des Teams abzubilden, aber Stative aufzubauen und aus der Ferne auszulösen mache die Strapazen im Eis noch anstrengender. Statt Ruhm nimmt Fengler einfach ein anderes Privileg von seinen Reisen mit: „Mein Job bringt mich in Gegenden, in die ich sonst nie gekommen wäre.“

 

Kanada, Baffin Island: Kletterfotograf Klaus Fengler bei der Arbeit. (Copyright: Klaus Fengler)

 

Umso mehr, weil Fengler einst etwas ganz anderes machte: Zwölf Jahre lang saß er als Maschinenbauer bei Siemens fest im Sattel. Die Fotografie war damals nur ein Hobby – bis erste Sportfirmen seine Bergfotos kauften. Als dann im jährlichen Mitarbeitergespräch immer wieder die Fragen zu seinen weiteren Zielen und seiner Motivation aufkamen, merkte Fengler irgendwann: „Meine Motivation, mein Ziel ist die Fotografie.“ Kurzerhand warf er hin, passend zu einem Zitat, das er eigentlich aufs Bergsteigen bezieht: „Die Routine ist die größte Gefahr.“

 

Defekte Kamera? Kaputte Speicherkarte?

Vierzehn Jahre sind seitdem vergangen, in manchen Jahren war Fengler wochenlang nicht zu Hause, weil ihn Expeditionen an alle Enden der Welt brachten: in den Ural, wo es so kalt war, dass er seine Kameraakkus am Körper warmhalten musste. Nach Patagonien, wo er unter Lebensgefahr eine Festplatte mit Fotos von Dieben zurückkaufte. Oder eben zum Roraima-Tafelberg, wo die Luft so feucht und die Landschaft so schleimig war „wie die Außerirdischen in den ‚Alien’-Filmen“, sodass er vor dem Fotografieren erst einmal seine Hände sauber bekommen musste. Dagegen wirken seine Jobs in Deutschland fast banal; hier fotografiert er hauptsächlich für Sportkataloge.

 

Dass ihm ausgerechnet hier – in sicheren Gefilden – das schlimmste technische Versagen wiederfuhr, wirkt bezeichnend: Zwar war ihm auf seinen extremen Reisen einmal ein Objektiv zerbrochen – allerdings nicht beim Klettern, sondern weil Fengler auf dem Eis ausgerutscht war. Machte nichts – dafür hat er ja genug Objektivalternativen. Und der ein oder andere Objektivdeckel mag beim Klettern schon ins Nirgendwo gesegelt sein. Auch das ist halb so wild. Eine defekte Speicherkarte allerdings, die sämtliche soeben geschossenen Fotos vernichtete, die hatte er im Felsen nie, dafür aber bei einem ganz klassischen, harmlosen Shooting in Deutschland. Wahrlich, ein Albtraum.

 

Drei Tipps für Landschaftsfotografen

 

Expeditions- und klettererfahren: Fotograf Klaus Fengler. (Copyright: Klaus Fengler)

 

Wer sich auf die Spuren von Klaus Fengler begeben und in der Natur fotografieren möchte, für den hat der Kletterfotograf drei Tipps:

 

1. Wichtig ist gutes Licht. Am schönsten ist es morgens und abends mit dem ersten und letzten Sonnenlicht – oder wenn das Sonnenlicht tagsüber zwischen Wolkenlücken hindurch in Nebelfelder strahlt. Das erzeugt mehr Spannung als grelles Sonnenlicht von einem strahlend blauen Himmel.


2. Um die Weite der Natur zu verdeutlichen und einen Größenvergleich zu ermöglichen, können Menschen auf den Fotos sein. Es reicht, sie als schmale Silhouetten im Bild zu haben – wie Schattenrisse. Das können auch fremde Wanderer sein – sie sind ja ohnehin nicht zu erkennen.


3. In der Landschaftsfotografie sind Bilder in der Regel von vorn bis hinten scharf. Um das zu schaffen, muss die Blende so weit wie möglich geschlossen sein. Weil dadurch gleichzeitig aber auch die Belichtungszeit zunimmt, sind ein ruhiger Stand, ein Fels als Abstellfläche oder bei einsetzender Dunkelheit ein Stativ notwendig.