Person fertigt eine Skizze für eine Verpackung an
Femininer Kühlschrank, maskuline Kettensäge: Welche Rolle spielt das Geschlecht beim Design technischer Produkte? (Bild: Chaosamran_Studio - stock.adobe.com)

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Femininer Kühlschrank, maskuline Kettensäge: Welche Rolle spielt das Geschlecht beim Design technischer Produkte?

Ihr Einkommen liegt zwanzig Prozent unter dem der Männer. Dennoch müssen Frauen für gleiche Produkte, zum Beispiel im Drogeriemarkt, oft sogar tiefer in die Tasche greifen. Sind auch technische Geräte für Frauen teurer? Gibt es sie überhaupt? Produktdesigner Ralf Baumunk erklärt, nach welchen Kriterien Kühlschrank und Co. gestaltet werden und wie es um elektronische Dinge bei ihm zu Hause steht.

Noch am Vormittag begutachtet Ralf Baumunk, Professor an der Hochschule Hannover, die Absolventenpräsentationen im Studiengang Produktdesign. Die Themen reichen von der Klebebeschichtungsmaschine über Händetrockner bis Fahrzeugbeleuchtung und Getränkeverpackung. In der Mittagspause hat er Zeit für ein Interview zu seinem Lieblingsthema – dem Design technischer Produkte.

Professor Baumunk, was macht ein Produktdesigner?

Im Produktdesign geht es darum, wie Dinge aussehen und funktionieren. Wir gestalten Konsum- und Investitionsgüter für die serielle Produktion, ein breites Spektrum.

Was hat Design mit Geschmack zu tun?

Wenn wir an Funktion, Anwendbarkeit und Nachhaltigkeit arbeiten, hat das mit Geschmack wenig zu tun. Das Aussehen von Produkten folgt kulturell geprägten Gestaltungsregeln.

Wer hat Ihren Kühlschrank ausgesucht? Ihre Frau?

Meine Frau ist als Diplomingenieurin sehr technikaffin. Wir haben beide darauf geachtet, wie viel Strom er verbraucht, und wollen auch beide an alle Fächer rankommen.

Sind Sie sich – zumindest bei technischen Geräten – immer einig?

Beim Fernseher haben wir diskutiert. Ich will ihn groß, mit technischen Features. Für meine Frau ist er ein störender schwarzer Fleck im Wohnzimmer. Da mussten wir Kompromisse eingehen. Nun haben wir einen mittelgroßen Fleck. Entschieden haben wir anhand der Funktionen, denn das Aussehen ist, abgesehen von der Größe, eigentlich bei Fernsehern recht ähnlich.

Sie sind auf technische Produkte spezialisiert. Haben Sie da eine überwiegend männliche Zielgruppe?

Menschen haben unterschiedliche körperliche Voraussetzungen, weniger ästhetische. Oft ist Ergonomie für Frauen wichtiger, denn Männer kommen mit schwerem Gerät besser zurecht. Interessanter ist die Unterscheidung in Familien- und Singlehaushalte, da sind Männer und Frauen relativ gleich vertreten. Ich glaube nicht, dass der Mann die Technik aussucht und die Frau die Dekoration. Diese pauschale Rollenverteilung kann ich nicht bestätigen.

Wann ist zum Beispiel ein Kühlschrank für Frauen besonders interessant?

Das kann man nicht so einfach sagen. Kühlschrankhersteller sind große Unternehmen. Miele zum Beispiel führt weltweite Studien durch, geht in die Haushalte, untersucht, wer was wie nutzt, und lässt das in die Gestaltung einfließen. Die Erkenntnisse werden in der Regel unter Verschluss gehalten, denn der Konkurrenzdruck in der Produktentwicklung ist hoch.

Was fällt Ihnen ein zu der Aufgabe, eine Kaffeemaschine speziell für Frauen zu entwickeln?

Ich bin ja keine Frau und muss recherchieren, was die Zielgruppe wünscht. Oft schauen Designer vor Ort: Wie wird etwas gehandhabt? Was funktioniert gut, was schlecht? Um welche Merkmale geht es? Ich habe mal mit Studierenden eine Kettensäge gestaltet, ein klischeehaftes Männerspielzeug, schwer und laut. Es gab auch Modelle von Frauen für Frauen. Männer wollen Kanten, Ecken, sichtbare Schrauben. Das ist in diesem Fall gestalterisch gut. Frauen wollen geschlossene Oberflächen und einen weicheren Gesamtkontext. Geräte müssen leichter und leiser sein, auch auf Kosten der Leistung. Diese Erkenntnis lässt sich sicher auf andere Geräte übertragen, zum Beispiel Staubsauger. Warum nicht auch auf Kaffeemaschinen?

Deutsche lassen sich laut der Gesellschaft für Konsumforschung vom Aussehen technischer Produkte wenig beeinflussen. Welche internationalen Unterschiede sehen Sie?

Deutschland profitiert noch vom Bauhaus, das zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts Kunst und Handwerk zusammenführte. Es steht für klares, aufgeräumtes, reduziertes Design. In Italien sind ganz andere Farben und Formen im Zentrum der Begierde. Andere Länder haben auch oft mehr Bedienteile.

Person wählt Farbe für Produkt aus
(Bild: MIND AND I - stock.adobe.com)

Welche Rolle spielt die Farbgebung für technische Produkte?

Kitchen Aid zum Beispiel macht Geräte in Nagellack-Farben und hat eine pinke Kollektion als Aktion gegen Brustkrebs auf den Markt gebracht. Diese Serien haben in der Farbwelt Akzente gesetzt. Ich hatte mal die Aufgabe, eine Orthese, ein orthopädisches Hilfsmittel zur Gelenkentlastung, zu entwickeln. Der Hersteller wollte eine junge Zielgruppe bedienen. Es gab zu Beginn der Designphase zwanzig Farben, und wir haben in ausgewählten Läden getestet, was sich gut verkauft. Letztlich sind drei Farben, nämlich Schwarz, Weiß und ein Hautton, angenommen worden und in Serie gegangen. Der Designer schlägt vor. Der Kunde entscheidet.

Kaufen Frauen eher technischen „Schund“, wenn er gut aussieht?

Schund ist eine Frage der Nutzung. Nehmen wir eine Bohrmaschine: Für den privaten Gebrauch muss sie nicht auf 400 Stunden Betriebsdauer ausgelegt sein. Wenn ein Single jedes Jahr drei Löcher bohrt, passen zehn. Für den Handwerksbetrieb wäre eine solche Maschine dagegen Schund. Oder Tchibo: Die Non-Food-Produkte sollen gar nicht immer nachhaltig sein, sie werden für einen kurzlebigen Markt produziert. So fragwürdig das auch erscheinen mag.

Produkte ähneln sich immer mehr in ihrer Funktion. Die Kaufentscheidung ist oft eine Designentscheidung.

Welche Rolle spielt das Markendesign bei technischen Produkten?

Mein Vater hatte mehrere Bohrmaschinen. Sie lagen in der Garage. Aber die von Hilti stand in ihrem markanten roten Koffer tatsächlich im Schlafzimmer meiner Eltern. Das ist der Wunsch aller Hersteller. Hilti hat es geschafft.

Die Debatte um die Pink Tax betrifft vor allem Drogerieartikel wie Rasierer. Wenn identische Produkte exklusiv Frauen ansprechen, etwa über die Verpackung, sind sie teurer.

Wieso kaufen Frauen Dinge für mehr Geld, wenn die nicht mehr können? Das ist die Frage aus Sicht des Produktdesigners. Bei technischen Geräten steht die Funktionalität im Vordergrund. Und da kann es sein, dass sie – Beispiel: Gewicht und Größe – für Frauen und Männer variiert.

Es gibt also keine Pink Tax auf technische Geräte?

Es gibt fertigungsrelevante Aspekte, etwa wenn eine Farbe seltener ist oder ein Gerät für eine Frauenhand kleiner. Niedrigere Stückzahlen sind teurer. Typischerweise ist es doch so: Der rosa Kühlschrank ist etwas Besonderes und daher hundert Euro teurer. Wenn ihn keiner kauft, wird er rasch der Günstigste. Bei technischen Produkten lehnen Kunden eine geschlechtsspezifische Gestaltung offenbar ab, sonst gäbe es die rosa Kettensäge. Bei Rasierern hat aber eine Differenzierung stattgefunden. Vielleicht passiert sie auch bei Kaffeemaschinen. Ist ein Senseo-Automat feminin? Einfach zu bedienen, klein, leicht. Ist für Männer eine schwere Siebträgermaschine, die dampft und zischt, besser? Ich weiß nicht … Wo wäre das Verkaufsargument?

Bei welchem technischen Gerät schlägt Ihr Designerherz höher?

Das iPhone ist ein tolles Produkt. Es ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass Design nicht nach Mann oder Frau fragt. Geschlecht ist kein Designkriterium, außer es liegt in der Sache begründet.

Zur Person:

Ralf Baumunk, geboren 1972 im Ruhrgebiet, ist Professor für Produktdesign und computerunterstützten Entwurf an der Hochschule Hannover, eine der führenden Ausbildungsstätten Deutschlands. Er ist Mitbegründer der Designagentur jojorama produktgestaltung und dort im Bereich Konsum-, Investitionsgüter- und Interfacedesign tätig.