Person spielt mit Kopfhörern ein Spiel auf einem Bildschirm
Endgegner: Alltag - Mediensucht (Bild: TURAN SEZER - stock.adobe.com)

Tests und Empfehlungen

Endgegner: Alltag - Mediensucht

Computerspiele, soziale Medien, YouTube und mehr: Suchtrisiken von Medien werden bei allen Bemühungen zur „Digitalisierung“ unterschätzt. Dabei sind die Gefahren durchaus bedrohlich, wie bei jeder Suchterkrankung. „Betroffene werden nicht ernstgenommen oder als Sonderlinge abgestempelt“, sagt Ronny Siegert. „Auch, weil eine Sucht für Außenstehende immer etwas abstrakt ist – erst recht, wenn es um Computerspiele oder soziale Medien geht.“

Und er spricht aus Erfahrung: Siegert ist Heilerziehungspfleger in der Therapiestation „Teen Spirit Island“ des Kinder- und Jugendkrankenhauses auf der Bult in Hannover. Hier werden seit 1999 suchtkranke Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 21 Jahren behandelt, die Probleme mit Alkohol und Drogen, immer häufiger aber auch mit Medien haben. Zudem ist Siegert geprüfter Media Protect Coach der Initiative „ECHT DABEI – Gesund groß werden im digitalen Zeitalter“, die sich der Risikoprävention beim Medienkonsum von Kindern verschrieben hat.

Ein erster Schritt in die richtige Richtung

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Anfang 2018 bekanntgegeben, Computerspielsucht zukünftig offiziell als Krankheit anzuerkennen. Das mag zunächst eindeutig klingen, ist jedoch nicht so klar abzugrenzen, wie es erscheint. Die sprachliche Unterscheidung zwischen Computerspielen und anderen digitalen Medien, wie beispielsweise sozialen Netzwerken, hält Ronny Siegert für unglücklich. Er spricht lieber von Mediensucht, schließlich seien die Ursachen für ein digitales Suchtverhalten ungeachtet ihrer Ausprägung sehr ähnlich:

„Eine Sucht ist immer Symptom einer emotionalen Instabilität. Der Betroffene missbraucht das Medium für sich selbst als Emotionsregulator: Er flüchtet sich zunehmend in eine Parallelwelt, in der er seine reellen Bedürfnisse leichter ausleben kann als in der Realität.“

Im Fachjargon spricht man von „virtueller Kohärenz“: Anstelle echter Menschen, Beziehungen und Erlebnisse treten zur Befriedigung der Grundbedürfnisse virtuelle Stellvertreter. Um nur zwei Beispiele zu nennen:

  • Statt in einer engen Beziehung mit Familie und Freunden wird das Gefühl, gebraucht zu werden, im intensiven Kontakt zu den Mitspielern eines Onlinespiels gesucht.

  • Statt Erfolgserlebnisse im echten Leben anzustreben, wird der Fortschritt mit dem digitalen Avatar immer wichtiger.

Gefährliche Versuchung

Im virtuellen Raum ist jeder ein Stück weit anonym und kann deshalb eine ganz andere Rolle einnehmen als im echten Leben. Dadurch werden bestehende Probleme, wie beispielsweise Mobbing in der Schule, in der Parallelwelt außer Kraft gesetzt. Der Betroffene bekommt neues Selbstbewusstsein und Bestätigung in der digitalen Welt und zieht sich darum immer häufiger dahin zurück. In der Folge des Rückzugs können kaum weitere soziale Kompetenzen hinzugewonnen werden, z.B. der Umgang mit Konflikten. Neue Probleme entstehen und die Lösung scheint wieder einmal die Flucht in die Medien zu sein. Die soziale Entwicklung stagniert und so entsteht eine gefährliche Abwärtsspirale, die häufig in die Sucht führt.

Schwarz, Weiß und ganz viel Grau

Person schaut TV
(Bild: Andrey Popov - stock.adobe.com)

Die Grenzen zwischen intensivem Medienkonsum und Sucht sind fließend. Der entscheidende Unterschied ist, wie stark der Nutzer vom Medium vereinnahmt wird. Lange Zeiten am Computer oder Smartphone sind zwar ein Risikofaktor, machen aus dem Nutzer aber noch keinen Süchtigen. Gefährlich wird es jedoch, wenn der Medienkonsum zulasten anderer Lebensbereiche geht.

Es gibt einige deutliche Hinweise auf Suchtverhalten, die entsprechend ernstgenommen und fachlich abgeklärt werden sollten, wenn sie in Kombination mit intensivem Medienkonsum auftreten. Dazu gehören unter anderem folgende:

  • Sozialer Rückzug bis hin zur totalen Isolation

  • Innere Abgeschlagenheit, oft gepaart mit Depressionen

  • Vernachlässigung von Alltagsaufgaben, Schule oder Arbeitsstelle

  • Im späteren Verlauf körperliche Beeinträchtigungen wie Übergewicht oder Diabetes

Eine eindeutige Diagnose ist dabei nicht leicht und richtet sich nach vordefinierten diagnostischen Kriterien. Beim Thema Sucht gibt es aber nicht nur Schwarz und Weiß, sondern, wie so oft im Leben, vor allem jede Menge Grau.

Zur Suchtbewältigung ist es deshalb an erster Stelle wichtig, den Betroffenen für das Problem zu sensibilisieren. Erst dann kann es daran gehen, gemeinsam mit ausgebildeten Betreuern die Ursachen zu identifizieren und zu bekämpfen. Eine ambulante Betreuung sei zwar möglich, meint Ronny Siegert, nach seinen Erfahrungen seien die Erfolgsaussichten bei einer klinischen Therapie jedoch deutlich größer.

Die Therapie bedeutet einen Bruch mit bisherigen Angewohnheiten, was den Betroffenen in einer neuen Umgebung erfahrungsgemäß deutlich leichter fällt. „Zudem besteht das Risiko einer Suchtverlagerung.“, befürchtet Siegert. Es sei wichtig, dass die Ursache angegangen werde, nicht nur die Symptome. Für ihn ist das eine Herzensangelegenheit: „Wir möchten unsere Patienten emotional aufbauen und sie auf die kommenden Aufgaben und Herausforderungen in der Realität vorbereiten.“

„Angriff ist die beste Verteidigung.“

In der Therapiestation „Teen Spirit Island“ in Hannover erwartet die Patienten ein eng strukturierter Tagesplan. Für Siegert ist klar: „Kinder brauchen klare Regeln und Grenzen. Damit sie eigenverantwortlich Entscheidungen treffen können, müssen sie lernen, die Konsequenzen für ihr Handeln zu tragen, egal ob positiver oder negativer Natur.“

Der Tag beginnt für alle Patienten daher spätestens um 7 Uhr morgens. Wenn einer verschläft oder sich nicht pünktlich aufrafft, müssen am Abend alle früher ins Bett. Diese Form der Gruppenkonsequenz mag antiquiert wirken, hat aber ein klares Ziel: Die zurückgezogenen Patienten sollen gruppenfähig werden und den Weg zurück in ein gesellschaftliches Gefüge finden. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit zwischenmenschlichen Spannungen, die in solchen Situationen zwangsläufig entstehen.

Auch in der weiteren Behandlung stehen der Patient und die Kommunikation mit anderen Menschen im Vordergrund. In Gruppen- und Familientherapie werden die Kinder und Jugendlichen mit Konflikten und Ängsten konfrontiert. Sie werden aber auch gestärkt, um Wünsche und Bedürfnisse gegenüber den Eltern bzw. dem sozialen Umfeld zu formulieren. Solche Probleme können sie nur in der Konfrontation bewältigen und so positive Erfahrungen und Erfolgserlebnisse sammeln. Mit neuen Hobbies und intensiven Gesprächen werden zudem eigene Ressourcen und Fähigkeiten entdeckt. Die jungen Patienten werden in einer internen Schule Schritt für Schritt wieder ins Schulsystem eingegliedert. Und damit es trotzdem nicht zu alltäglich wird, gehören abenteuerliche Ausflüge und Unternehmungen mit der Gruppe ebenfalls zum Programm.

Vollständige Heilung ist bei Suchterkrankungen dennoch eher frommer Wunsch denn Realität. Ronny Siegerts Erfahrungen sind zurückhaltender: „Mit einem Klinikaufenthalt kann die Sucht eingedämmt werden, die Gefahr eines Rückfalls wird jedoch immer bleiben.“ Über Jahre hinweg könne das Rückfallrisiko auf ein niedriges Level sinken und ein verhältnismäßig normaler Umgang mit dem Medium möglich werden. Der Weg dahin sei jedoch sehr lang und mühsam.

„Prävention ist besser als jede Therapie“

Zwei Personen bedienen jeweils ein Smartphone
(Bild: Maria_Savenko - stock.adobe.com)

Für den Heilerziehungspfleger ist aber auch klar, dass die eigentliche Aufgabe viel früher beginnt. Besser als jede Therapie sei schließlich eine gut funktionierende Prävention. Hier sieht er vor allem die Eltern in der Pflicht: Sie legten den Grundstein in der Entwicklung der Kinder. Erziehung, Anerkennung, Unterstützung und ein behütetes Umfeld seien genauso wichtig für die Entwicklung der Kinder wie die bereits angesprochenen Regeln und Grenzen.

Eltern sind die ersten Vorbilder für die Prävention ihrer Kinder. Je weniger Orientierung und Unterstützung die Eltern ihnen bei der Erkundung ihrer Freiheiten geben, umso größer ist das Risiko für eine spätere Suchterkrankung. Aber auch eine schlechte Integration in die Schulklasse, ein Mangel an Erfolgserlebnissen im echten Leben und eine frühe Ausstattung der Kinder mit Mediengeräten erhöhen dieses Risiko.

Früh übt sich? Nicht immer.

Digitalen Medien in Kindergärten und Grundschulen steht Ronny Siegert deshalb kritisch gegenüber: „Der technische Fortschritt sollte kein Argument sein, die Kinder immer früher an digitale Medien zu gewöhnen. Kinder lernen schnell, den Anschluss verlieren wir erst im Erwachsenenalter.“ Andersherum seien sich gerade Kinder, aber häufig auch ihre Eltern, der Gefahren nicht bewusst, die von Medien ausgehen. Zudem fehlten insbesondere kleineren Kindern noch wichtige Grundlagen – er begründet das mit dem Modell vom „Turm der Medienmündigkeit“ der Pädagogin Paula Bleckmann.

„Medienmündigkeit“ bedeutet, einen selbstreflektierten, kritischen und verantwortungsvollen Umgang mit Medien erlernt zu haben. Das Modell verbildlicht das mit einem Turm, frei nach dem Motto: „Wer hoch hinaus will, braucht ein solides Fundament.“ Nach Bleckmanns Theorie wird dieses Fundament für die Medienmündigkeit „gerade durch weitestgehend medienfreie Spielräume in der Kindergartenzeit bis hinein in die Grundschulzeit“ geschaffen.

In Kombination mit einer guten Eltern-Kind-Beziehung, einer ernstgenommenen Vorbildfunktion der Eltern und einem gepflegten sozialen Umfeld kann das Suchtrisiko eines Kindes in seiner weiteren Entwicklung also verringert werden. Garantien gibt es natürlich trotzdem nicht. Dennoch kein Grund für die Eltern, sich übermäßig den Kopf zu zerbrechen, findet Ronny Siegert, und hat zum Schluss noch einen einfachen Tipp: „Lassen Sie die Kinder Kinder sein.“