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Keine Probe, keine Garderobe: Die Stimmen hinter dem Serienboom

01.02.2018

Bilder: Marcus Reichmann

Angeheizt durch die rasante Serienproduktion von Netflix und Co. kann das Synchronsprechergeschäft schneller nicht mehr werden. Eine, die dieses Tempo beherrscht, ist Marieke Oeffinger. „Game of Thrones“, „Die Tribute von Panem“, „Die Tudors“, „Hannah Montana“, „Two and a Half Man“ – bekannt ist ihre Stimme vor allem aus den deutschen Fassungen amerikanischer TV-Reihen.

 

Nach dem letzten Take in Weißensee springt sie in die Tram nach Schöneberg. Quer durch Berlin fahren –auch das gehört zum Arbeitsalltag von Synchronsprechern. Pünktlich sitzt Marieke Oeffinger vor Studio 4 der traditionsreichen Berliner Synchron. Blockbuster wie „Star Wars“, „Der Pate“ oder „Ice Age“ erhielten hier ihre deutschen Dialoge. Der Synchronregisseur informiert Oeffinger, was sie heute erwartet: „Ein Tanzfilm. Du bist eine Zicke.“

 

Die 38-Jährige tritt an das Mikrofon im Sprecheratelier, auf dem Pult liegt das Dialogbuch, das sie jetzt zum ersten Mal sieht. Der Dialogbuchautor hat aus der Rohübersetzung Worte geformt, die den Mundbewegungen im Bild entsprechen. Er achtet besonders auf p, m und b – Laute, bei denen die Lippen verschlossen sind. Seine Texte sind – separat für jede Rolle – in Abschnitte von wenigen Sekunden, einzelne Takes, unterteilt. Sie bestehen aus höchstens zwei Sätzen, oft nur aus Husten, Seufzen oder Lachen.

 

„Ich darf den ganzen Tag spielen“: Marieke Oeffinger liebt die Vielfalt ihrer Rollen

 

Take für Take: Das Synchrongedächtnis ist kurz

Lesen, merken, sprechen, vergessen: Oeffinger steht aufrecht tänzelnd, mit Blick auf den Monitor, hebt die Hände, als würde sie die eigene Stimme wie ein Orchester dirigieren. Auf dem Bildschirm bewegen sich zwei Balken aufeinander zu. Ihr Zusammentreffen ist das Zeichen zum Einsatz. Die ausgebildete Schauspielerin merkt sich den unmittelbar anstehenden Satz – und vergisst ihn, sobald er im Kasten ist.

 

Die Verantwortlichen für Regie, Ton und Schnitt nehmen im Nebenraum die Takes ab. „Perfekt.“ „Passt.“ Ein knapper Kommentar per Mikro ins Atelier. Wenn es nicht beim ersten Anlauf sitzt: „Da war ein halber Schnapper“, oder: „Schenk mir einen runderen Ton.“ Pro Stunde über dreißig Takes. Nach zwei Stunden ist die Rolle aufgenommen, ohne einen einzigen Versprecher.

 

Ihre Disponentin koordiniert die Termine. Was am nächsten Tag ansteht, erfährt die Sprecherin am Vorabend beim Blick in den Onlinekalender. Sie weiß dann, wann sie wo sein muss und wer an der Aufnahme beteiligt ist. Den Titel der Produktion kennt sie meist noch nicht.

 

Präzises Handwerk: Bloß kein Näseln, Zischeln, Ploppen, Spucken

Gute Synchronsprecher zeichnet neben flexibler Verfügbarkeit ein präzises Handwerk aus, das heißt lupenreines Hochdeutsch sowie eine solide Schauspiel- und Sprechausbildung. Es geht um Ausdruck, Timing und vor allem saubere Aussprache. Nichts ist schlimmer als Nuscheln, Zischeln oder zu weiche Konsonanten.

 

„Früher habe ich überall Sprechübungen gemacht. Ich saß in der Bahn und habe mit Korken oder Fingerknochen im Mund meine Aussprache trainiert. Inzwischen spreche ich so viel, da ist das nicht mehr nötig“, erklärt die gelernte Schauspielerin. Das Business boomt.

 

Technisch und künstlerisch Teamarbeit: Synchronsprecher sind auf Knopfdruck mit Regisseur, Cutter und Tonmeister verbunden

 

Dass heute jede Stimme einzeln aufgenommen wird, sieht die gebürtige Bayerin als Problem für junge Kollegen. „Sie können nicht mehr von erfahrenen Sprechern lernen. Als ich anfing, waren wir gemeinsam im Studio. Aber durch die Einzelaufnahmen können wir ein höheres Pensum sprechen und mehr Geld verdienen.“

 

Oeffingers Stimme ist so wandelbar, dass sie mehrere Rollen innerhalb einer Serie synchronisieren kann. Für die amerikanische Sitcom „How I Met Your Mother“ sprach sie gleich sechs Charaktere. Bei „Pokémon“ oder „Mondbär“ zum Beispiel leiht sie Trickfiguren ihre Stimme. Deren Sprache ist freier und bunter. Lippensynchronität ist weniger wichtig. Menschen müssen dagegen vor allem authentisch rüberkommen.

 

„Bandbreite und Schnelligkeit sind das Beste an meinem Beruf“, findet die Synchronsprecherin. Sie kann sich auf keine Lieblingsrolle festlegen. Eine Lieblingsschauspielerin aber hat sie. Das ist Natalie Dormer, die sie in „Game of Thrones“, „Die Tribute von Panem“ und „Die Tudors“ synchronisiert. Bei einer Premierenfeier ist sie ihr sogar einmal persönlich begegnet.

 

Das Synchronatelier ist nicht nur schalldicht, sondern auch dunkel: Marieke Oeffinger nimmt selbst im Sommer Vitamin D

 

Die kleinen Fallen: Magengrummeln, Schnupfen und Privatleben

„Ich bin absolut stressresistent und so gut wie nie erkältet“, sagt Oeffinger. Schon der kleinste Schnupfen bedeutet, dass die Aufnahme verschoben oder sie durch eine Kollegin ersetzt wird.

 

Nebengeräusche sind tabu. Sie kennt die Tricks. Gegen einen knurrenden Magen hilft Fenchel-Anis-Kümmel-Tee. Schon beim Shoppen achtet sie auf Shirts, die nicht rascheln und Schuhe, die nicht klackern.

 

Die Kurzfristigkeit des Synchronisierens bestimmt ihr Leben. Privates gestaltet sie spontan. „Freunden muss ich nichts erklären, sie leben genauso. Verabredungen treffen wir mit der Frage: Hast du jetzt Zeit?“

 

Kurze Pause vor dem Studio der Berliner Synchron: Marieke Oeffinger spricht oft mehrere Rollen an einem Tag

 

Synchronsprecher sind unständig beschäftigt

Synchronsprecher erfüllen den Status unständig Beschäftigter. Sie sind im Prinzip Tagelöhner, die über verschiedene Arbeitgeber sozialversichert sind. Vergütet wird fürs Kommen und nach Takes. Anfänger erhalten etwa sechzig Euro Grundgage sowie drei Euro pro abgenommenen Take.

 

Oeffinger hat sich ein Standing erarbeitet, das ihr erlaubt, eine eigene Gage aufzurufen. Die gilt unabhängig von Schwierigkeit der Rolle und Erfolg des Films. Berufsverbände wie der Interessenverband Synchronschauspieler unterstützen jedoch zunehmend Nachverhandlungen, wenn ein Film unerwartet durch die Decke geht. Bei absehbaren Megaerfolgen gibt es von vornherein höhere Gagen.

 

Sie ist jeden Tag ausgebucht, über die Jahre gehören aber auch gelegentliche Auftragseinbrüche dazu. Sie weiß: „Ich bin nicht abgesichert. Es ist ein extrem unsicherer Beruf.“ Was sie ruhig schlafen lässt, ist die Vielfalt ihrer Produktionen und Auftraggeber. Sie ist überzeugt, dass das Synchronisieren in Deutschland Bestand haben wird: „Egal, wie viele Menschen Englisch verstehen, Filme in der eigenen Muttersprache sind etwas ganz anderes.“

 

Pult der Synchronsprecher: Die Ego-Taste spielt den Take im Zusammenhang ab

 

Piraterie sorgt zusätzlich für Tempo: Synchronisiert wird kurz vor Filmstart

Neue Folgen von „Game of Thrones“ erscheinen schon eine Woche nach US-Start auf Deutsch. Um Raubkopien und Leaks, nicht autorisierte Veröffentlichungen, zu verhindern, wird erst wenige Tage vorher synchronisiert. Trotzdem wurden Folgen der erfolgreichen Fantasyserie geleakt.

 

Für die Disposition erhalten Titel Decknamen. Bilder werden manchmal bis zur Unkenntlichkeit geschützt. Das hat jedoch Grenzen: „Ich synchronisiere Schauspieler, keine Münder“, sagt die Expertin. „Das Tempo ist okay, aber ich muss die Szene sehen.“ Gerade läuft diagonal über den Film der Schriftzug „Berliner Synchron“. Jeder wüsste, wo die undichte Stelle ist, und die Bilder sind außerhalb des Studios unbrauchbar.

 

Deutschland ist Synchronland, Berlin die Hauptstadt

In keinem Land der Welt wird so viel synchronisiert wie in Deutschland. Hotspot ist unangefochten Berlin. Mit Abstand folgen München und Hamburg. Auch Marieke Oeffinger ist wegen der höheren Auftragslage aus München nach Berlin gezogen. Die Studios sind hier weit voneinander entfernt, daher sitzt sie viel in der Bahn. Obwohl ihre Stimme fast jeder schon einmal gehört hat – denn in ihrer dreizehnjährigen Laufbahn hat sie an die achthundert Rollen synchronisiert –, bleibt ihr Gesicht dabei ganz unerkannt.