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Im Dienst des guten Streifens

02.11.2017

Fotos: Maik Przyklenk

 

Die Blütezeit der Videotheken ist lange her. Doch die Faszination Film ist ungebrochen. In Hannover-Vahrenwald gibt eine begeisterte Cineastin noch persönliche Empfehlungen, verleiht gute Streifen aus allen Genres. Und den menschlichen Kontakt gibt es gratis dazu.

 

Es ist spät geworden im Video-Eck an diesem Freitagabend, bald lockt die Primetime um kurz nach acht viele Menschen vor den Fernseher. Das Flimmern der Neonröhren versetzt den Eingangsbereich des Ladens in der herbstlichen Dämmerung in eine Stimmung, wie sie durchaus eines Filmes würdig wäre. Ein Mann mit beigefarbenem Trenchcoat betritt das Geschäft in Hannover-Vahrenwald und geht direkt nach hinten durch, wo der Großteil der DVD-Cover in einem großen Raum fein säuberlich in Regalen einsortiert ist. Ein Pärchen durchstöbert vorn in der Verkaufsecke ehemals verliehene Filme und Playstation-Spiele, die für ein paar Euro erworben werden können. Noch schnell etwas für heute Abend mitnehmen – denn um 20 Uhr schließt der Laden in der Kriegerstraße. Wie an jedem Tag, montags bis sonntags.

 

Das Kerngeschäft im Video-Eck ist die DVD. Klar, einige Kunden wollen auch Filme auf Blu-Ray. Und ganz wenige hätten wohl auch schon einmal nach 4K gefragt, dem neuen Format in noch höherer Auflösung. Für Evgenia Ladwig, die hinter dem Tresen steht und aus großen Schubladen die DVDs heraussucht, ist das alles aber zweitrangig: „Für mich persönlich spielt das keine große Rolle. Ich will doch vor allem einen guten Film sehen.“ Während viele ihrer Kunden zu Hause große Flatscreens im Wohnzimmer haben, schaut die Verleiherin Filme ganz klein, auf dem Laptop. Gelegenheit dazu hat sie durchaus auch während der Öffnungszeiten – schließlich ist der Andrang an vielen Tagen eher überschaubar.

 

Evgenia Ladwig ist eine der letzten Mohikaner im Videotheken-Business.

 

Gute Filme sind ein Lebensthema der Video-Eck-Chefin, und der Grund dafür, dass sie sich vor einigen Jahren für die tägliche Arbeit in dem Laden in Hannovers Norden entschieden hat. Im Idealfall, sagt sie, sind Filme Kunstwerke, die den Betrachter überraschen. Tiefgängige Geschichten begeistern sie, weniger die bombastischen Bilder und Effekte. „Inhalte sind mir bei einem Film viel wichtiger“, sagt die Frau, die Philosophie und Soziologie studiert hat. „Ich schaue alle Filme, die ich bestellt habe, an – zumindest zehn Minuten lang. Dann kann ich eigentlich genau beurteilen, ob er gut ist oder nicht.“ Und wenn er gut ist, schaut sie ihn durchaus auch ganz. Aus beruflichen Gründen, versteht sich.

 

Netflix und Co. nehmen Videotheken ihre Kunden

Klar, den viel beschriebenen Niedergang des Metiers kann die 37-Jährige seit Jahren aus der ersten Reihe beobachten. „Das hier ist ein lokales Geschäft“, sagt Ladwig. „Da kommt niemand aus Laatzen.“ Das Einzugsgebiet bleibe also immer etwa gleich groß. Und weil das so ist, sinkt die Zahl der potenziellen Leihkunden mit jedem Tag, an dem Maxdome, Amazon, iTunes und andere Streaminganbieter in mehr Haushalten über die Bildschirme jedweder Größe flimmern. Sich darüber zu beschweren, liegt der in Russland geborenen Frau aber fern. „Was nützt das denn?“, fragt sie. „Außerdem bin ich kein Mensch, der schnell aufgibt.“

 

Schon während der Schulzeit hat die jetzt 37-Jährige in einer Videothek gejobbt. Damals, in den Neunzigerjahren, kam gerade die DVD auf den Markt. Es waren Boomzeiten der Branche: Bundesweit wurden mehr als 9.000 Videotheken gezählt, Menschen standen Schlange, um neu erschienene Filme auszuleihen. 2016 waren es noch knapp 900 Läden in ganz Deutschland. Auch die großen Ketten wie Videobuster, für die auch Evgenia Ladwig lange gearbeitet hat, machten Laden für Laden zu. Heute sind in Hannover noch zwei inhabergeführte Videotheken übrig geblieben.

 

Große und kleine Kunden suchen hier nach der passenden Unterhaltung.

 

Ein kleines Mädchen betritt den Laden. Rosa Fahrradhelm, orangefarbene Gummistiefel, kecker Gesichtsausdruck. „Hi“, grüßt Evgenia Ladwig und lächelt. „Deine Mutter hat angerufen. Ich hab’ den Film schon hier liegen.“ Die kleine Abholerin kann kaum über den Tresen blicken, vertippt sich zunächst auf dem vergilbten Tastenfeld für die Geheimzahl. Aber als sie schließlich ihre Zahlenkombination richtig eingegeben hat, darf sie die Wunsch-DVD ihrer Mutter endlich mitnehmen. Und verlässt stolz auf Gummistiefeln das Video-Eck.

 

Persönliche Beratung ist das große Plus der Videotheken

Einen Film zu gucken, wann und wo man will, diese Freiheit hat nicht Amazon erfunden. Die weltweit erste Videothek wurde 1975 in Kassel eröffnet, und ihre Grundidee hat bis heute nicht ihren Charme verloren. Wer einmal in einer Videothek an den Regalen vorbeigeschlendert ist und DVD-Cover prüfend in die Hand genommen hat, wer dann gar die Bedienung nach einem Tipp gefragt hat und strahlend mit einem Film in Händen den Laden verlassen hat, der kennt den Vorteil der Videothek gegenüber jedem Onlineportal: den persönlichen Kontakt mit Menschen.

 

Empfehlungen und kuratierte Inhalte, die scheinbar exklusiven Vorzüge der Onlineanbieter, sind in Vahrenwald seit vielen Jahren im Leihtarif von 1,50 Euro pro Tag enthalten. Und meist noch ein bisschen mehr: „Es kommen oft Leute, mit denen ich länger über Dinge rede“, sagt Evgenia Ladwig. „Da geht es auch viel um privaten Kram.“ Das Video-Eck ist eine Anlaufstelle im Viertel, ein Ort, den Menschen aufsuchen, nicht nur, um dort ihren Bedarf an Bewegtbild zu decken. „Ich bin ein Homie“, nennt Ladwig das liebevoll. Beziehungen zu Kunden und Nachbarn sind teilweise über Jahre gewachsen, erzählt sie. Man kenne sich eben und teile Geschichten über Freud und Leid. Der sozialen Funktion ihres Geschäfts ist sie sich voll bewusst und profitiert auch selbst davon. Als der erste Hund der Videothekenbesitzerin, ein Riesenschnauzer, starb, litten viele Kunden mit, nahmen wochenlang lebhaft Anteil.

 

Das Angebot an aktuellen Filmen und Klassikern für Groß und Klein ist im Video-Eck riesig.

 

Jeden Monat kommen vierzig neue Filme in den Verleih

Dass in ihrem Metier der große Reibach nicht zu erwarten ist, war der Frau mit den braunen Locken schon immer klar. Knapp vierzig Filme pro Monat kauft sie neu für den Verleih, ihre Kollektion bietet alle aktuellen Streifen. Das kostet neben Miete, Strom und Heizung viel Kapital und lässt sich kaum mehr mit den Einnahmen reinholen. Ihr Plan bei der Übernahme des Ladens 2014 war es, so viel Geld zu verdienen, dass ein bescheidenes Leben möglich ist. Das klappt zwar immer schlechter, und wenn sie ganz ehrlich ist, hängt die Existenz des Ladens am seidenen Faden. Wirklich wichtig findet die inzwischen einzige Vollzeit-Mitarbeiterin das nicht, und Blockbuster-Filme mit dramatischen Spannungsverläufen sind ohnehin nicht ihr Metier.

 

Ihr Leben würde auch ohne Laden weitergehen, irgendwie. Und glücklich ist sie über jeden Tag, den sie im Dienst des guten Streifens verbracht hat. „Hier hinter dem Tresen lebe ich meinen ganz persönlichen Traum“, sagt Evgenia Ladwig.