Mann mit Kopfhörern spielt Fifa auf einer Spielkonsole
Profi an der Spielekonsole: Tim Latka vom FC Schalke verdient mit E-Sports sein Geld (Bild: amirraizat - stock.adobe.com)

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Profi an der Spielekonsole: Tim Latka vom FC Schalke verdient mit E-Sports sein Geld

Er steht beim Fußball-Bundesligisten Schalke 04 unter Vertrag. Doch tritt er mit dem Fuß nicht gegen den Ball. Tim Latka nutzt dazu die Spielkonsole, denn er ist E-Sports-Profi.

Mit fünf Jahren stand Tim Schwartmann das erste Mal „auf Schalke“ in der Nordkurve. Inzwischen kickt er selbst als Profi beim FC Schalke 04, steht aber immer noch bei fast jedem Heimspiel im Block. Der 19-Jährige ist professioneller E-Sports-Spieler: „Fifa 18“ heißt das Spielfeld, auf dem sich der professionelle E-Gamer im Fußball zu Hause fühlt.

In der Gamerszene ist er unter seinem Nickname Tim Latka bekannt. Latka? „Der hat mal bei Fortuna Düsseldorf gespielt“, sagt sein E‑Sports-Namensvetter und lacht. Der Tscheche ist nur Insidern ein Begriff. „Ich kann gar nicht genau sagen warum, aber ich fand ihn einfach cool“, sagt Tim Schwartmann über den Innenverteidiger. Als er sich nach ihm benannte, dachte der Schlacks aus Gladbeck nicht im Traum daran, einmal mit E‑Sports sein Geld zu verdienen.

2005 erstmals den Controller in der Hand

Als kleiner Knirps kickte Tim Schwartmann bis zur D‑Jugend für den FC Gladbeck, anfangs im Sturm, danach in der Innenverteidigung. 13 Jahre später ist aus dem realen Kicker einer der weltweit besten Spieler der Fußballsimulation „Fifa“ geworden. 2005 hat er den Controller erstmals in die Hand genommen, seit anderthalb Jahren spielt er „Fifa“ professionell. Sein Informatikstudium hat er inzwischen aufgegeben, um sich voll und ganz der Nummer eins der Sportspiele unter den E‑Sports-Games 2017 zu widmen.

Dass auch E‑Sports Leistungssport ist, bekommt er jedes Wochenende zu spüren. In der sogenannten Weekend-League absolviert er im Modus „FUT Champions“ aus seiner heimischen Zwei-Zimmer-Wohnung heraus regelmäßig vierzig Spiele, zwölf bis 14 Stunden braucht er dafür. Ein Trainingstag in der Woche hat durchschnittlich vier bis fünf Stunden, dann spielt Tim Latka gegen andere E‑Sports-„Pros“. In seiner restlichen Arbeitszeit erstellt er Livestreams, Youtube-Content, gibt Interviews.

Gaming-Haus mit „League of Legends“-Team

In Kürze wird er eine Wohnung im E‑Sports-Gaming-Haus der Schalker in der Nähe der Veltins-Arena beziehen. Dort ist auch ein Teil des Teams für „League of Legends“ (LoL) des Gelsenkirchener Klubs untergebracht. Mit dem Fantasy-Strategiespiel, das zu den beliebtesten E‑Sports-Games zählt, haben es die Königsblauen bis in die European League of Legends Championship Series ( EU LCS) geschafft.

Live verfolgen kann man die Weekend-League-Spiele nicht, doch der Profi lädt für seine Anhänger jeden Montag seine besten zehn Spiele als Zusammenschnitt hoch. „Das ist ein bisschen wie die ‚Sportschau‘“, sagt er. Über die Online-Wettbewerbe qualifiziert er sich für größere Liveturniere. Die überträgt Spielehersteller EA dann im Livestream. Vor Ort schauen 30.000 bis 50.000 Fans zu, bei der WM bis zu 100.000.

„Den Gegner zurechtlegen“

Was für ihn das Besondere beim „Fifa“-Kicken ist? „Ich mag es einfach, mit Spielern aus dem echten Leben in ‚Fifa‘ zu spielen. Das macht mir superviel Spaß.“ Cristiano Ronaldo stürmt bei ihm im Schalke-Trikot, genauso wie Ruud Gullit oder Gareth Bale. Offensiv bevorzugt er an der „Fifa“-Konsole das Kurzpassspiel, als System ein 4‑2‑2‑2‑eng oder 4‑2‑3‑1‑weit. „Geduldig spielen“ lautet seine Devise. „So kann man sich den Gegner zurechtlegen.“ Defensiv rät er dazu, „seine Viererkette möglichst immer stehen zu lassen und nicht mit einem Innenverteidiger zum Ballführenden herauszulaufen, denn damit reißt man in ‚Fifa‘ extrem große Lücken.“

Über den Schalker „Knappen-Cup“, ein Scouting-Turnier für Spieler aus dem Ruhrgebiet, empfahl er sich in „Fifa 17“ unter mehr als 300 Teilnehmern für seinen neuen Arbeitgeber. Mit Lukas „Idealz“ Schmandt gibt es nur noch einen weiteren „Fifa“-Pro in Reihen der Schalker. Bis zu 10.000 Euro pro Monat können „Fifa“-Spieler mit Festgehalt und Siegprämien monatlich verdienen. Bis Ende zwanzig, Anfang dreißig geht eine E‑Sportler-Karriere – dann lässt die notwendige gedankliche Schnelligkeit nach. Gut zehn Jahre hat Tim Schwartmann also noch, um als Tim Latka Titel zu gewinnen. Danach will er im E‑Sports weiterarbeiten „als Trainer, Manager, vielleicht Fernsehexperte“.

E‑Sports-Bundesliga als mittelfristiges Ziel

Die Branche boomt. Geschätzt werden weltweit 750 Millionen Dollar jährlich im E‑Sports umgesetzt – Tendenz steigend. Neben den Gelsenkirchenern haben der VfL Wolfsburg, RB Leipzig und der VfB Stuttgart eigene Abteilungen für E‑Sports-Spiele. Aus der zweiten Fußball-Bundesliga sind der VfL Bochum und der 1. FC Nürnberg im Gaming vertreten. Langsam, aber sicher werden die Strukturen auch hierzulande immer professioneller. Robin Dutt, früherer Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), prophezeit dem E‑Sports eine verheißungsvolle Zukunft. „Diese Lawine ist nicht aufzuhalten“, sagt der 52-Jährige, der als Berater der Berliner Agentur E‑Sports-Reputation tätig ist.

Ende November hat sich in Frankfurt der E‑Sport Bund Deutschland (ESBD) gegründet. „Wir haben uns dabei auch die Anerkennung des E‑Sports als gemeinnützig sowie als Sportart zum Ziel gesetzt“, so der neue ESBD-Präsident Hans Jagnow. „E‑Sports ist nicht mehr oder weniger Sport als Schach oder Formel 1“, sagt Tim Schwartmann. „Nur fahren wir kein Rennauto, sondern spielen ein Videospiel.“

Der Schalke-Pro rechnet mit einer E‑Sports-Bundesliga „in zwei bis drei Jahren“. „Langfristig wird es vermutlich an die Vereine gekoppelt, da werden sich DFB und DFL sicherlich etwas ausdenken“, ist er überzeugt. In anderen Ländern hat E‑Sports diesen Schritt bereits vollzogen, zum Beispiel in Frankreich oder den Niederlanden. Bei den Asienspielen 2022 in der chinesischen Metropole Hangzhou wird E‑Sports sogar zum offiziellen Programm zählen.

„Fifa“-Spieler sind selbst ihr bester Trainer

Reaktionsschnelligkeit, Konzentrationsvermögen, Ausdauer, taktisches Geschick – darauf kommt es bei einem E‑Sportler der Spitzenklasse an. Sein Reaktionsvermögen hat Tim Schwartmann bislang noch nicht messen lassen. „Aber das wollte ich mal machen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das extrem gut sein muss.“ Einen Trainer haben die Topprofis nicht. „Wir Spieler sind praktisch unser eigener Trainer. Spielerisch gibt es kaum jemanden auf dem Niveau, der uns da weiterhelfen könnte – sonst wäre er selbst Spieler“, sagt der „Fifa“-Pro.

Bei Turnieren pusht sich Tim Schwartmann nicht mit Cola oder Kaffee – viel stilles Wasser bringt ihn über den Tag. Ansonsten gilt: „Mittags nichts Fettiges, damit der Körper nicht müde wird.“ Müsliriegel oder Bananen halten ihn fit. „Ansonsten kommt jegliche Motivation von mir selbst, dazu vom Begleitteam, von Lukas, der Familie oder Freunden, die einem noch mal schreiben.“

Xbox oder Playstation – Wahl der Spielekonsole eine Grundsatzfrage

Sein Lieblingsgegner ist Timo Siep (20) vom VfL Wolfsburg. „Weil wir auch privat sehr gut befreundet sind. Aber so oft spielen wir nicht gegeneinander, da er auf der Playstation spielt und ich auf der Xbox.“ Für E‑Sportler ist die Wahl der Konsole eine Grundsatzfrage. „Das kann jeder für sich selbst entscheiden. Im Gameplay gibt es kaum Unterschiede. Ich spiele auf der Xbox, weil ich den Controller mehr mag“, sagt Tim Schwartmann. So setzt sich das Feld der 32 Qualifikanten bei der Weltmeisterschaft je zur Hälfte aus Xbox- und Playstation-Spielern zusammen – jeder qualifiziert sich über seine bewährte Plattform.

Andere Spiele außer „Fifa“ zockt der Schalker E‑Sportler nicht. „Wenn mein Trainingstag vorbei ist, bin ich auch froh, wenn ich die Konsole auslassen kann. Dann beschäftige ich mich mit anderen Dingen.“ Rausgehen, was mit Freunden machen – Dinge, die ein junger Mann seines Alters eben tut. Als Ausgleich spielt er, na klar, Fußball. „Einfach hobbymäßig auf dem Bolzplatz.“

Mehr als 135.000 folgen ihm bei Youtube

Auf der Straße wird er immer öfter als Tim Latka erkannt, muss für Selfies herhalten, Autogramme geben. „Man merkt den Hype jeden Tag.“ Wie groß der Hype tatsächlich ist, zeigt die Zahl seiner Follower in den sozialen Netzwerken: Mehr als 145.000 bei Youtube, über 41.000 bei Instagram, gut 20.000 bei Twitter – und täglich werden es mehr. „Das macht einen froh, dass man mit seinem Content so viele Leute begeistern kann.“

Sein nächstes Ziel: Bei der „Fifa 18“-Weltmeisterschaft, dem „Fifa eWorld Cup“, dabei zu sein. Für das erste Play-off-Finale, das im Januar als Offline-Turnier gespielt wird, hat er sich bereits qualifiziert. Den Ort hat EA noch nicht bekannt gegeben. „In den Qualifikationsmonaten muss das Hobby, selbst ins Stadion zu gehen, schon mal ruhen“, sagt der leidenschaftliche Schalke-Anhänger. Doch wenn es irgendwie passt, steht der Dauerkarteninhaber am Wochenende in der Nordkurve und lässt sich von den Profis auf dem Rasen auch ein bisschen für sein „Fifa“-Spiel inspirieren.