Person drückt symbolisch auf ein virtuelles Haus
Wenn die Wohnung das Leben organisiert (Bild: Nicolas Herrbach -stock.adobe.com)

Tests und Empfehlungen

Wenn die Wohnung das Leben organisiert

Man kann dem Smartphone Mails diktieren und Alexa bitten, die Tür zu öffnen. Doch wirklich intelligent sind solche Systeme noch nicht. Wie unser Zuhause uns künftig im Alltag unterstützen könnte, untersuchen Forscher der Uni Bremen.

Die Wohnung der Zukunft ist unbewohnt. Und sie hört auf ein etwas kryptisches Zauberwort. „Baall, mach bitte das Licht am Nachttisch an“, sagt Serge Autexier, nachdem er das Modell-Apartment in einem Bremer Uni-Gebäude betreten hat. Wie von Zauberhand wird das Schlafzimmer in warmes LED-Licht getaucht. Autexier geht zum Bett, fährt langsam mit der Hand vom Fußende in Richtung Kopfkissen. Sofort wird das Licht heller gedimmt. „Baall, bitte mach die Schranktür auf“, sagt der Forscher in das menschenleere Zimmer. Und nachdem die Tür langsam zur Seite geschoben worden ist, kann Serge Autexier endlich seine Lieblingsfrage stellen: „Baall, wo ist die blaue Krawatte?“ Plopp, schon leuchtet ein Fach im Schrank hell auf. Forscher und Besucher freuen sich.

Es sind solche Showeffekte, die das „Bremen Ambient Assisted Living Laboratory“ (Baall) für seine Besucher zu einem faszinierenden Ort machen. Wer nutzt schon zu Hause jenseits seines Smartphones künstliche Intelligenz – und das gekoppelt zu einem Gesamtsystem? Doch in dem 2009 gestarteten Projekt des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) geht es um mehr. DFKI-Forscher arbeiten gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universität Bremen und der Deutschen Forschungsgemeinschaft daran, mobile Assistenz- und Unterstützungssysteme zu entwickeln, ihre Alltagstauglichkeit zu prüfen und sie zu verbessern. Breite Gänge, Schiebetüren, ein Spiegel, der sich automatisch in der Höhe verstellt – es ist deutlich erkennbar, dass die gedachte Zielperson ursprünglich ein rüstiger Mann Ende fünfzig gewesen ist. Er weiß, dass körperliche Einschränkungen kommen werden. Und er ist darauf vorbereitet.

Technik muss sich an der Lebensrealität der Menschen orientieren

Wie ein James-Bond-Auto fährt der High-Tech-Rollstuhl auf Wunsch zum Standort des Bewohners und holt diesen unfallfrei ab.

Prinzipiell ist diese Idee auch immer noch präsent, etwa durch den automatisch navigierenden Rollstuhl oder den intelligenten Rollator, der in einem Schwesterprojekt entwickelt worden ist. Und wer schon einmal solche Systeme kennengelernt hat, wird sie im Alter mit weniger Scheu nutzen. Längst ist „design for all“ der Leitgedanke. Jeder – jung, alt, gesund, eingeschränkt – soll sich im modernen Wohnprojekt wiederfinden können.

„Es geht hier ums Ganze“, sagt Serge Autexier. Und der Mann meint das wirklich so. Als promovierter Informatiker und DFKI-Projektleiter hat er vor allem Technik im Blick. Aber sein Projekt will eben weiter denken als bis zur nächsten Produktgeneration. „Es geht bei uns im Kern nicht um Technik, sondern um Menschen“, sagt Autexier. Wie kann man ihr Leben verbessern? Wie ihre Probleme lösen? Und wie das Wohnen in Zukunft nicht nur technisch ausgereifter, sondern vor allem wirklich lebensnaher gestalten?

Die Bremer Wohnung ist eines von mehreren ähnlichen Projekten bundesweit. Überall wird daran getüftelt, wie man intelligente Systeme vernetzen und im privaten Wohnraum nutzbar machen kann. Autexier, der erst im Dezember vom DFKI für seine wissenschaftlichen Erfolge ausgezeichnet worden ist, hat in den letzten Jahren mehr als 1500 Personen durch sein Forschungswohnzimmer geführt. Die öffentlichkeitswirksame Forschung habe große Vorteile, sagt er: „Man lernt immer wieder dazu. Besucher haben uns schon viele Anregungen gegeben und spannende Fragen aufgeworfen.“

Datensicherheit hat oberste Priorität

Person tippt auf einem Tablet
(Bild: goodluz - stock.adobe.com)

Mit einem Computer zu sprechen, der anschließend Befehle ausführt? Das kann man doch mit Alexa und Siri auch. Und Teile der intelligenten Wohnung sind längst bei Amazon und im Baumarkt verfügbar, jeder kann sich entsprechend ausrüsten. Projektleiter Autexier kennt diesen Einwand und bestätigt: „Seit unserem Start hat sich unwahrscheinlich viel getan. Und natürlich sind die Spracherkennungen der großen Anbieter sehr gut.“ Allerdings, und das ist der entscheidende Grund für weitere Forschung: Sie haben einen Preis. Denn Amazon, Apple und Google lassen alle Dialoge über ihre Server laufen. Was mit den Daten passiert, wer sie auswertet – niemand weiß es. Argwohn ist bei aller Begeisterung angebracht.

In der Bremer Modellwohnung dagegen läuft alles über lokale Server. „Die Daten bleiben hier“, sagt Autexier. „Im Datenschutz sind wir weit voraus und werden das wohl auch bleiben.“ Dafür ist die Spracherkennung noch nicht so gut wie Alexa oder Siri – denn bei den großen Anbietern ist die Zahl der Datensätze so riesig, dass die Systeme permanent dazulernen.

Was den Bremer Forscher und seine Kollegen umtreibt, ist eine „möglichst natürliche Mensch-Technik-Interaktion“, sagt der gebürtige Saarländer. Im Klartext: Die Verbindung von allem mit allem. Mikrofone, Kameras, Spracherkennung sind nur Hilfsmittel. Viel wichtiger ist, was man damit macht. Türen öffnen sich, wenn man höflich darum bittet. Anhand von Gesten merkt das System, dass man einen vorher definierten virtuellen Lichtdimmer betätigen will. Und der Rollstuhl kommt wie ein Bond-Auto zum Bett gefahren und navigiert den Bewohner zum Sofa, ohne irgendwo anzustoßen. Technik, die die Zukunft in die Gegenwart holt.

Kindersicherung im Smart-TV

Auch die Wahl der Kleidung schlägt das System vor – weil es weiß, welches Wetter draußen herrscht und ob eher förmliche oder eher private Termine am Tag anstehen. Und weil es den Inhalt des Kleiderschrankes kennt und weiß, welches Hemd gerade wo liegt.

Wie das geht? In den Regalen des Kleiderschranks befinden sich RFID-Sensoren, die Kleidung hat RFID-Tags. Die Sensoren erkennen die Tags, die man sehr einfach einkleben kann. Bei Zara und H&M werden Hosen und Shirts schon so ausgeliefert – so werden Lagerhaltung und Diebstahlschutz vereinfacht. Die künstliche Intelligenz könnte demnächst noch lernen, wie der Nutzer sich am liebsten kleidet. Oder sie könnte Personen mit leichter Demenz oder Sehbeeinträchtigung dabei unterstützen, sich adäquat anzuziehen. Ein Rechtsanwalt habe ihn schon angerufen und danach gefragt, wann man den intelligenten Kleiderschrank kaufen könne, sagt Autexier. Mehr als ein Prototyp sei der aber noch nicht.

Eine andere Funktechnik kommt beim Fernseher zum Einsatz: Near Field Control (NFC), das inzwischen in vielen Smartphones verbaut ist. Wer im Bett der Modellwohnung liegt, kann einfach NFC-Karten, auf denen die Logos der Fernsehsender abgebildet sind, auf den Nachttisch legen. Flugs wird der gewünschte Sender eingestellt. Auch hier gibt es einen weiteren, sehr lebensnahen Nutzen: Wer seinen Kindern nur bestimmte Sender erlauben will, gibt ihnen eben nur die entsprechenden Karten. „Diese Idee finden viele Besucher sehr überzeugend“, sagt Serge Autexier. Bislang wurde sie aber noch nicht kommerziell umgesetzt.

Kühlschränke die Milch nachbestellen, gibt es noch nicht

An seine Grenzen stößt das System beim Thema Kühlschrank. Die viel beschriebene Vision, dass automatisch Eier und Milch nachbestellt werden, hält Zukunftsexperte Autexier für nicht praktikabel: „Ich kenne kein System, das selbstständig Lebensmittel erkennen kann. Man kann sich höchstens beim Einkauf Kamerabilder vom Kühlschrankinneren zuschicken lassen. Aber wirklich intelligent wäre das nicht.“ Autexiers Studenten haben schon mit einem Barcode-Lesegerät am Mülleimer experimentiert. So weiß man, was verbraucht wurde – aber was ist mit Obst und anderen Artikeln, die keinen Barcode haben? Dafür kann die Modellwohnung helfen, Rezepte herauszusuchen und bestimmten Diäten zu folgen.

Abendbrotzeit: Durch die Fenster scheint kein Licht mehr, draußen ist es dunkel geworden und in der Bremer Wohnung kehrt Ruhe ein. Serge Autexier bittet Baall, das Licht auszumachen. Wäre es nicht einfacher, mit einem großen Anbieter wie Apple oder Amazon zusammen Produkte für den Massenmarkt zu entwickeln? Autexier denkt nach, dann lacht er: „Nein, das würde nicht gehen. Denn wir arbeiten hier erkenntnisgetrieben. Wir wollen Dinge besser machen und nicht nur profitabler. Und beim Datenschutz würden wir uns sicher nicht einig werden.“

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