Ein Fußballer trägt im Stadion eine VR-Brille
Profifußball 3.0: Wie Elitekicker in virtuellen Welten trainieren (Bild: Sergey Nivens - stock.adobe.com)

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Profifußball 3.0: Wie Elitekicker in virtuellen Welten trainieren

Das Fußballgeschäft wird immer digitaler – auch Jogi Löw setzt bereits auf VR-Brillen. Durch die künstlich erzeugte Realität sind die Elitekicker in der Lage, sich schon vor dem Anpfiff mit Ronaldo, Neymar und Co. zu messen. Der DFB ist von der Technik überzeugt, auch viele Bundesligisten setzen auf VR-Technologie – vor allem im Verborgenen.

Trainerlegende Sepp Herberger malte die Taktik noch mit Kreide an die Tafel, Fußballvordenker Ralf Rangnick benutzte schon ein Flipchart, inzwischen gehört das Whiteboard zum Standard-Equipment des modernen Profitrainers. Doch selbst diese Technik könnte zur Schulung von Deutschlands Elitekickern bald ausgedient haben. Der 54er-Weltmeister Herberger galt als Tüftler, der seiner Zeit voraus war. Der „Chef“, wie ihn seine Spieler ehrfurchtsvoll nannten, hatte immer einen klaren Plan, auch für das Finale von Bern. Heute ließe sich das Endspiel vom 4. Juli 1954 mittels virtueller Realität (VR) noch einmal nacherleben, um den herbergerschen Matchplan spielnah zu analysieren.

Durch die VR-Brille taucht ihr Träger in eine andere, zuweilen auch vergangene Welt ein. „Ich hatte das Gefühl, wieder auf dem Platz zu stehen“, beschreibt ein ehemaliger Fußballprofi den Einsatz von Virtual Reality. Sein Name? Tut nichts zur Sache. Denn im Fußball ist es wie in so vielen anderen Branchen, in denen es um Spitzenleistungen geht: Niemand möchte seine Methoden preisgeben.

Das hat auch Nils Meinen erlebt. Der Dreißigjährige, der sich selbst als „klassischer Kreisligakicker“ beschreibt, hat seine Masterarbeit im Studiengang Verteilte und Mobile Anwendung an der Hochschule Osnabrück über Virtual Reality im Fußball geschrieben. Mit Hardware-Unterstützung der Osnabrücker Firma Salt and Pepper Software GmbH & Co. KG entwickelte der Informatiker einen Prototyp zur VR-Taktikschulung im Profifußball, den er auch bei Bayern München, Borussia Dortmund, RB Leipzig und Werder Bremen sowie beim Hamburger SV, FC St. Pauli und VfL Osnabrück vorstellte.

Mit VR-Brille gegen Neymar antreten

„Wenn man mal eine VR-Brille aufgesetzt hat, weiß man: Ich bin wirklich in der Situation“, sagt Nils Meinen. Das haben auch seine Tests mit den Vereinen ergeben, für die er die VR-Brille HTC Vive verwendete. „Die Probanden haben das Gefühl, auf dem Platz zu stehen. Dieses Gefühl hat man nicht, wenn man sich das auf dem Monitor anguckt. Man versteht zwar den Spielzug, aber verinnerlicht die Situation nicht so stark wie in der virtuellen Realität.“ In der Anwendung werden über die VR-Brille interaktive 3-D-Szenen simuliert, Sensoren an Händen und Füßen messen die Reaktionen und Bewegungen des Akteurs.

Die Einsatzmöglichkeiten von VR-Techniken sind vielfältig: Durch die künstlich erzeugte Realität können sich die Spieler schon vor dem Anpfiff mit Ronaldo, Neymar und Co. messen – und zwar nicht aus der Beobachterperspektive wie in der klassischen Videoanalyse, sondern als Protagonist in der Situation selbst. Jeder potenzielle Gegenspieler und seine individuelle Spielweise lassen sich simulieren, man kann Spielzüge einstudieren und das Verhalten von gegnerischen Spielern analysieren. Torhüter hätten die Möglichkeit, aus einer Datenbank Hunderte von Freistoßvarianten herunterzuladen und die Schüsse zu „lesen“.

Person trägt eine VR-Brille und hat einen Football Helm in der Hand
(Bild: LIGHTFIELD STUDIOS - stock.adobe.com)

Mit dem Aufsetzen der VR-Brille fühlt es sich für den Benutzer so an, als stünde er mit auf dem Rasen. Die 3-D-Bilder von Ball und Gegner wirken, als sei man Teil des Geschehens, in dem man auch jede Perspektive einnehmen kann. Dabei steht der Akteur mit der VR-Brille in einem beliebigen Raum, er kann sich auf dem virtuellen Spielfeld frei bewegen. In aller Regel benötigt er aber nur einen begrenzten Aktionsradius mit kleinen Schritten, dem Positions-Tracking der VR-Brille sei Dank. Die Steuerung erfolgt über Sensoren in der Brille, wahlweise auch über einen Controller in den Händen oder zusätzliche Sensoren an den Füßen.

VR-Pioniere im Fußball aus den Niederlanden

„Die Vereine sind an VR sehr interessiert und versuchen, auf den Zug aufzuspringen“, sagt Nils Meinen, der inzwischen fest bei Salt and Pepper als Software-Engineer arbeitet. Das Unternehmen entwickelt VR-Lösungen im Industriekontext. Vorreiter auf dem Markt für Virtual Reality im Fußball sind die Firmen Beyond Sports aus den Niederlanden und Strivr Labs aus den USA. Vor allem im American Football hat sich der Einsatz von VR-Brillen etabliert. Die standardisierten Spielzüge der US-Sportart Nummer eins machen ein VR-Tool zu einem effektiven Trainingsinstrument.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat die Technik ebenfalls für sich entdeckt. Die A‑Nationalmannschaft von Bundestrainer Joachim Löw und die U 21 sind schon testhalber in virtuelle Welten eingetaucht. Im Thinktank der künftigen DFB-Akademie in Frankfurt setzen die Verantwortlichen um den früheren Hockey-Bundestrainer Markus Weise auf VR-Lösungen. „Die Technologie Virtual Reality ist eine äußerst spannende, die noch am Anfang ihrer Entwicklung steht und viele Möglichkeiten bietet. Diese wollen wir von Beginn an nicht nur mit begleiten, sondern sie nach unseren Vorstellungen mitprägen“, sagt Markus Weise als Leiter der Konzeptentwicklung der DFB-Akademie.

DFB setzt auf VfB Stuttgart und Weltmarktführer Strivr

Seit Mitte dieses Jahres hat der amtierende Fußball-Weltmeister den Weltmarktführer Strivr als Partner. Die Kalifornier statten mit ihrer VR-Technik unter anderem Profiteams aus den US-Topsportarten American Football (NFL), Basketball (NBA) und Baseball (MLB) aus. Im August verkündete der DFB zudem eine Kooperation mit dem VfB Stuttgart und der Universität Tübingen, um die Forschung im Bereich der virtuellen Realität zu intensivieren. Im ersten Schritt produzieren die Beteiligten 360-Grad-Filme mit Jugendmannschaften des VfB.

Die Vordenker von Beyond Sports arbeiten seit drei Jahren mit der niederländischen Fußball-Nationalmannschaft zusammen, ebenso wie mit Teams aus der NBA und NFL. Auch Teams aus der Premier League und einige Bundesligisten zählen zu den Kunden der VR-Pioniere aus Alkmaar. Welche das sind? „Wir nennen keine Namen“, sagt Beyond-Sports-Geschäftsführer Sander J. Schouten mit einem Lächeln. Es sei zwar noch eine junge Industrie, aber die Vereine würden den Mehrwert des Produkts erkennen, so Schouten. Die Preise für die Virtual-Reality-Lösungen seien für die Klubs überschaubar. „Es ist erschwinglich“, betont der Geschäftsführer.

Bessere Entscheidungsqualität dank virtueller Realität

Die Hardware schreckt im Millionen-Business Fußball niemanden ab. Eine VR-Brille kostet um die 700 Euro, der PC um die 2000 Euro, dazu kommen Lizenzgebühren für das Analysetool. „Das bereitet keinem Verein in der ersten oder zweiten Bundesliga Bauchschmerzen, wenn er weiß, dass er dadurch einen Mehrwert hat“, sagt Nils Meinen. Voraussetzung für so ein Geschäft: Die VR-Entwickler müssen einen messbaren Mehrwert versprechen. „Zum Beispiel, dass Robert Lewandowski, wenn er die Brille aufsetzt, drei Tore mehr schießt“, sagt Meinen.

Noch ist die Erstellung von VR-Anwendungen sehr aufwendig, die Aufnahme etlicher Spielsequenzen dafür nötig. Doch durch den Einsatz von VR-Brillen lassen sich die Entscheidungsqualität und Reaktionsfähigkeit verbessern. Gerade in Eins-gegen-eins-Situationen geht es um Sekundenbruchteile der Wahrnehmung. Bei Standardsituationen bietet die VR-Technik den Vorteil, diese ohne Mitspieler simulieren zu können, abseits vom üblichen Trainingsbetrieb. „Das Training findet nicht mehr nur auf der Wiese statt“, ist Markus Weise überzeugt, dass sich durch die künstlich erzeugte Realität auch die Lernumgebung ändern wird.

So lassen sich bei einem Neuzugang innerhalb kürzester Zeit die speziellen Eckball- oder Freistoßvarianten eines Teams trainieren – fern des Rasens. Mit der VR kann der Spieler die Situation, die er später im Spiel vorfinden wird, vorher schon live erleben. So wird die VR-Anwendung zur Integration neuer Spieler und zur schnellen Vermittlung der jeweiligen Spielphilosophie wertvoll. Die künstliche Realität kann auch in der Wirklichkeit helfen, Verständigungsprobleme zu vermeiden. Wenn Trainer und Spieler nach dem Schlusspfiff unterschiedliche Auffassungen über eine bestimmte Szene haben, hilft der Blick durch die VR-Brille. Der Trainer wechselt in die Rolle des Spielers und umgekehrt. „So haben sie die gleiche Basis und können sich sehr gut austauschen“, sagt Meinen. Irrtum ausgeschlossen.

VR-Technik mittels Smartphone immer und überall verfügbar

Der Software-Spezialist, der auch U-12-Co-Trainer beim Drittligisten VfL Osnabrück ist, hält einen Einsatz der VR-Technik auf Leistungsebene ab der U 11 oder U 12 für sinnvoll. „Im Breitensport wäre das eher just for fun“, so der Inhaber der Trainer-B-Lizenz. Bei Jugendlichen könne zudem das Smartphone durch VR-Technologie zum Trainingspartner werden, indem es einfach in das Hardcase einer VR-Brille eingesetzt wird. So lässt sich jederzeit auf die VR-Technik zugreifen. Davon könnten gerade auch Talente im Elitebereich profitieren. „Viele werden mit Bullis zum Training in den Leistungszentren gebracht. So könnten sie sich schon auf der Fahrt Spielsituationen anschauen“, sagt Meinen.

Bei der VR-Technik scheint der Weg das Ziel. „Wir sind längst noch nicht am Ende“, weiß Nils Meinen. Bei den VR-Brillen 2017 hat der Akteur einen Aktionsradius von fünf mal fünf Metern.

„Es kann sein, dass man in zwei Jahren eine Brille aufhat, und dann auf dem gesamten Platz steht. Technisch ist das schon möglich.“

Auch die sogenannte Augmented Reality (AR), die erweiterte Realität, scheint eine Alternative für das Fußballsegment zu sein. Während der Benutzer in der virtuellen Realität komplett in eine künstliche Welt eintaucht, werden bei der erweiterten Realität zusätzliche Informationen mithilfe von Einblendungen genutzt. So könnten mit AR-Hilfe Spielsituationen visualisiert und der tatsächlich vorhandene Ball in das jeweilige Ziel geschossen werden – virtuelles und reales Training verschmelzen. „Aus Fußballsicht ist noch in der Schwebe, ob sich AR oder VR durchsetzt“, meint Meinen. Allerdings stecke AR „noch in den Kinderschuhen, was Sport und schnelle Bewegungen angeht“.

Fest steht schon jetzt: Schreitet der Fortschritt weiter so rasant voran, wird die VR-Technologie die Taktik- und Wahrnehmungsschulung im Fußball nachhaltig verändern. Was Sepp Herberger wohl dazu gesagt hätte?