Fahrräder ausverkauft
Fahrräder ausverkauft (Bild: ROSSandHELEN photoqraphers - stock.adobe.com)

Technik News Lieferengpässe: In Deutschland sind Fahrräder ausverkauft

Sie möchten sich ein neues Fahrrad kaufen und recherchieren gerade die für Sie passenden Modelle und Ausstattungen? Spätestens beim Gang in den Laden oder bei der Online-Bestellung kann das zu einem bösen Erwachen führen. Denn vielerorts sind Fahrräder ausverkauft oder zumindest rar. Radfahrer müssen sich auf lange Lieferzeiten und Preiserhöhungen einstellen. Auch hier setzen die Auswirkungen der Coronakrise dem deutschen Fahrrad-Boom ein vorläufiges Ende. Erfahren Sie, warum Fahrräder knapp geworden sind und wie Sie auch bei den derzeitigen Lieferengpässen mit etwas Geduld zu Ihrem Traumrad kommen.

Beispielloser Fahrrad-Boom vorerst ausgebremst

Anfang 2021 sah die Situation noch rosig aus: Deutschland war im Fahrrad-Boom. Der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) meldete einen Mehrverkauf von rund einer Million Räder im Vergleich zum Vorjahr – insgesamt 5,05 Millionen Stück, was einer Steigerung um 35 Prozent gleichkommt. Knapp 1.000 Euro werden pro Kauf durchschnittlich ausgegeben. 2010 war es noch nicht einmal die Hälfte davon. Dazu passt eine weitere Zahl: 20 Prozent der Deutschen stiegen in der Coronakrise aufs Rad um. Im Sattel ist man nun mal besser vor einer Infektion geschützt als im Öffentlichen Personennahverkehr oder in einer Pkw-Fahrgemeinschaft. Nun möchte man meinem, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt. Doch aktuell sind die Regeln der Marktwirtschaft auf den Kopf gestellt. Seit dem Spätsommer 2021 klagen Händler über Lieferengpässe. Der Boom schlägt sich selbst und Fahrräder werden knapp.

Warum plötzlich Fahrräder knapp geworden sind

Ende August schlug zuerst Bosch eBike Systems Alarm und warnte vor anhaltenden Lieferproblemen. Der große Fahrradtechnik-Zulieferer berichtete in einer dramatischen dpa-Meldung, dass die Fahrradhersteller um jedes Rad kämpfen, das sie bauen können, weil immer mehr Komponenten fehlen. Rahmen, Gabel, Bremsen oder elektronische Baugruppen sind auf einem überlasteten Weltmarkt knapp geworden. Die Lieferanten kommen nicht hinterher. Außerdem ist der Wunsch nach einer Neuanschaffung bei vielen Deutschen weiterhin hoch und befeuert die schwierige Situation, die dafür sorgt, dass in vielen Angebotssegmenten Fahrräder ausverkauft sind. Das bitter stimmende Fazit der Hersteller: Eine Normalisierung der angespannten Lage ist wohl erst Ende 2024 in Sicht.

Fahrräder sind knapp: Kaum Nachschub aus Asien

Wie konnte es zu dieser außergewöhnlichen Verknappung eines weltweit gefragten Produkts kommen? Wie zahlreiche andere Branchen ist auch die Fahrradindustrie Teil der Globalisierung mit ihrem komplexen Netz aus dezentralen Fertigungsstandorten und weltweiten Lieferströmen. Und wenn von Globalisierung die Rede ist, geht es meist um Asien. Hier ist die Fahrradproduktion teilweise fast zum Erliegen gekommen. Ausnahmsweise handelt es sich dabei weniger um Fabriken in China. Was sicher viele nicht wissen: Eines der wichtigsten Fahrrad-Exportländer in die EU ist Kambodscha. Jedes vierte 2020 von der Europäischen Union importierte Fahrrad stammt aus dem südostasiatischen Königreich. Dort gibt es Sonderwirtschaftszonen, in denen die Produktion aufgrund kontinuierlich fortlaufender Pandemie-Lockdowns gedrosselt wurde. Zugleich explodieren die Kosten für Schiffscontainer, weil der Handelsschiffverkehr ebenfalls eingeschränkt ist. In anderen Staaten wie Taiwan, wo vor allem E-Bikes gefertigt werden, sieht es nicht anders aus. Fällt die eine Fabrik in Malaysia aus, in der Zahnkränze produziert werden, spürt dies die halbe Welt. So lässt sich eine logische Linie vom jeweiligen nationalen Corona-Krisenmanagement bis zur Ladentheke in Deutschland führen, wo Fahrräder fast ausverkauft sind.

Fahrräder ausverkauft: Monatelange Wartezeiten

Fahrräder ausverkauft
Fahrräder ausverkauft (Bild: Phovoir - stock.adobe.com)

Dass Fahrräder knapp geworden sind, hat sich für Kunden erst in den letzten Sommerwochen 2021 so richtig bemerkbar gemacht. Der Handel war mit dem Problem aber schon einige Zeit konfrontiert. Hans-Peter Obermark vom Verband des Deutschen Zweiradhandels (VDZ) sagte gegenüber der Funke-Mediengruppe: „Einige Händler warten bis heute noch auf bis zu 40 Prozent der Räder, die sie bereits im vergangenen Jahr bestellt haben.“ Die Folgen sind monatelange Verspätung bei der Auslieferung. Derzeit sieht es so aus, dass Fahrräder zwar noch verfügbar sind. Wer aber spezielle Kaufwünsche hat, kann diese womöglich erst einmal nicht realisieren. Die Verbandssprecher weisen darauf hin, dass mehr oder weniger alle Arten von Fahrrädern knapp geworden sind – die Lager sind leer und ganze Lieferketten durchbrochen: „von Rennrädern über Mountainbikes bis zu City-Rädern“.

Teuerungen wahrscheinlich

Was bedeutet es langfristig für die Ladenpreise, wenn permanent Fahrräder ausverkauft sind und jede neue Lieferung sehnsüchtig erwartet wird? Der ZIV jedenfalls rechnet mit steigenden Preisen, was ins Inflationsgeschehen der Nach-Lockdown-Ära passen würde. Um 10 bis 15 Prozent dürften Fahrräder bald mehr kosten. Begründet wird dies einmal mehr mit gestiegenen Transportkosten, die von den Fahrradherstellern allerdings nicht gänzlich an die Endkunden weitergegeben würden. Nicht nur Covid-Effekte überheizen den Verkauf von Fahrrädern. Marktbeobachter registrieren, dass in Deutschland 2021 keine „Off-Season“ feststellbar war. Auch bei Regenwetter und sinkenden Temperaturen ist die Nachfrage ungebrochen hoch, sodass rund ein Vierteljahr früher Fahrräder ausverkauft sein dürften als von den Vertrieblern kalkuliert.

Fahrräder knapp: Jetzt nicht wählerisch sein

Wer jetzt trotz alledem ein neues Fahrrad kaufen möchte, muss entweder Abstriche bei seinen individuellen Ansprüchen machen oder sich in Geduld üben. Der ZIV fordert daher Flexibilität bei Marke, Form und Farbe. Einige Anbieter denken schon darüber nach, Fahrräder auch unfertig zu verkaufen. Denn oft handelt es sich nur um ein fehlendes Konstruktionselement wie den Sattel, das ein Fahrrad ungewollt zum Ladenhüter macht, obwohl es sich sofort an den Kunden bringen ließe. Online-Direktversender bieten die Möglichkeit, sich sein Fahrrad am Konfigurator zusammenzustellen. Wenn das gewünschte Komplettrad ein halbes Jahr auf sich warten lässt, wäre die virtuelle Konstruktion ein Ausweg. Bei dieser Alternative können Kunden die Lieferfristen von Bauteilen online einsehen und entsprechend planen. Online-Portale wie Mein-Fahrradhändler.de zeigen die Verfügbarkeit von Lagerbeständen beim Fachhandel an. Und dort versucht man, per E-Mail Kunden die Wartezeit zu erleichtern, indem man ihnen den regelmäßig aktualisierten Status ihrer Bestellung zuschickt. Wer hingegen ein Rad hat, das nur repariert zu werden braucht, wird vorerst ebenfalls in den sauren Apfel beißen müssen: Nicht nur, dass Fahrräder ausverkauft sind – auch Werkstätten leider unter gravierenden Lieferengpässen bei Ersatzteilen!