viele Kaffeekapseln liegen gestapelt auf dem Tisch
Der Mann, der Nespresso in den Kaffee spuckt (Bild: nicolas - stock.adobe.com)

Neuerscheinungen

Der Mann, der Nespresso in den Kaffee spuckt

Erwin Meier verdient sein Geld mit einer wiederbefüllbaren Kapsel für Nespresso-Kaffeemaschinen. Den Einfall dazu hatte der Tüftler 2010 auf einer Party – inzwischen beliefert er das saudische Königshaus und Zehntausende Kunden weltweit.

Wer hat’s erfunden? Natürlich ein Schweizer. Am 14. März 2010 hat Erwin Meier einen Geistesblitz gehabt, der ihn bis heute ernährt. „NKapsel“ steht zu diesem Datum lapidar in seinem kleinen schwarzen Notizbuch. Dazu eine Bleistiftzeichnung, schnell skizziert auf einer Party. Im launigen Gespräch mit Freunden kam dem damals 48-Jährigen an jenem Abend eine kleine Idee mit großer Wirkung: Warum eigentlich sollte man Kaffeekapseln für Nespresso und Co. nicht nachfüllen können?

Schon am nächsten Tag bastelte Meier, selbst leidenschaftlicher Kaffeetrinker, aus Alufolie den Prototyp seiner „NKapsel“. Er ging damit zu einer Feinmechanik-Werkstatt in Winterthur, die innerhalb weniger Tage das erste funktionierende Exemplar baute: Zwei Stahlhälften, miteinander verschraubt, mit Löchern im Boden, durch die der Espresso läuft. Mehrere Prototypen und insgesamt zwölf Monate Entwicklungszeit waren nötig – unter anderem, um die optimale Anzahl der Löcher zu finden. „Wenn der Kaffee zu schnell durchläuft, leidet der Geschmack“, sagt Meier. Und es baue sich nicht genügend Druck auf, um die typisch italienische Crema zu bekommen.

Würde das Produkt Kunden finden? Immerhin ist Kaffee das Schweizer Exportprodukt Nummer eins, mit einer jährlichen Gesamtmenge im Wert von mehr als zwei Milliarden Schweizer Franken noch vor Schokolade mit knapp einer Milliarde Franken. Und Nestlé-Tochter Nespresso nimmt einen ordentlichen Schluck aus dem Kaffeebecher: Offizielle Verkaufszahlen werden nicht veröffentlicht. Fachleute schätzen aber, dass acht Milliarden Originalkapseln aus Aluminium pro Jahr verkauft werden. Meier ließ erst einmal tausend seiner Edelstahlbehälter produzieren – und hoffte darauf, sie im Schlepptau des Giganten innerhalb von fünf Jahren zu verkaufen.

Ökotest bewertet die Kaffeekapsel mit „sehr gut“

Doch es kam anders. Der Webshop wurde mit Bestellungen geflutet, Fernsehen und Zeitungen berichteten, große Vertriebspartner meldeten sich. Das saudische Königshaus bestellte gleich zweimal zwanzig Kapseln bei ihm. In einem Jahr wurden allein 30.000 Kapseln verkauft, inzwischen sind es mehr als 100.000 – viele davon nach Deutschland, dem größten Absatzmarkt. „Das sind die Ökoweltmeister“, sagt Meier verschmitzt. „Gut, dass es die gibt.“ Sein Produkt verbindet die Vorzüge von schnellem Kaffeegenuss mit ökologischem Gewissen, das kommt offenbar an. Nespresso-Kritiker, unter anderem das Clean Coffee Project, gehen von einem weltweiten Müllberg von 8000 Tonnen jährlich durch die Originalkapseln aus. Erst jüngst hat die mallorquinische Regionalregierung verfügt, ab 2020 nur noch den Verkauf von biologisch abbaubaren Kapseln zu erlauben. Auch anderswo wird über ähnliche Regelungen nachgedacht.

Kurzzeitig versuchte Nespresso über seine Rechtsabteilung, das lästige Ökoprodukt juristisch loszuwerden. Doch Meiers Patente waren alle wasserdicht, die Originalkapseln dagegen erstaunlich spärlich geschützt. Der Ein-Mann-Betrieb aus Zürich konnte die Attacke des großen Nachbarn vom Zürichsee parieren – geht aber auch bis heute davon aus, dass man es nur halbherzig versucht habe: „Wenn Nestlé ein kleines Ökoprojekt zertreten würde, wäre der Imageschaden größer als der Nutzen.“

Inzwischen geht der Konzern das Müllproblem selbst offensiv an: Gebrauchte Aluminiumkapseln können in einem Recyclingbeutel am eigenen Briefkasten deponiert werden. Der Briefträger holt den Alumüll kostenlos ab; seit Kurzem ist das in der ganzen Schweiz möglich. Die auf einer Party ersonnene Schweizer Kapsel braucht solche teuren Maßnahmen nicht, um hohen ökologischen und ethischen Ansprüchen zu genügen: Sie lässt sich in etwa zwanzig Sekunden mit eigenem Kaffee befüllen – eben auch mit fair gehandeltem oder biozertifiziertem. Nach der Benutzung wird sie wieder aufgeschraubt, das Kaffeemehl ausgeklopft und alles in Sekunden mit Wasser abgespült. Das Edelstahlgehäuse hält seinem Erfinder zufolge viele Jahre. Und verschickt wird die Kapsel in Jutesäckchen und in einem mit geschreddertem Altpapier gepolsterten Karton. Der Bundespreis Ökodesign wurde dem Produkt verliehen, dazu der Red-Dot-Designpreis. Ökotest bewertete die Kapsel mit „sehr gut“ – alles sicher gute Verkaufsargumente.

Nachhaltigkeit rückt mehr und mehr in den Fokus der Gesellschaft

Eine Kaffeemaschine füllt eine Tasse mit Kaffee
(Bild: lena_rx7 - stock.adobe.com)

Sein Produkt spart also Müll – und Geld noch dazu. Meier rechnet vor, dass zwei Personen, die täglich je zwei Tassen Kaffee trinken, selbst bei einem Kilopreis von 30 Euro für hochwertigen Kaffee noch jährlich bis zu 500 Euro gegenüber dem Kauf von Originalkapseln sparen. Aktuell liegen die Preise bei etwa 38 Cent für die günstigste und 1,20 Euro für die teuerste Kaffeevariante. Darin enthalten sind exakt sechs Gramm Kaffeepulver aus verschiedenen Kaffeesorten. Das entspricht stolzen 60 Euro für ein Kilogramm Kaffee. Allein Meiers Kapsel kostet die Hälfte: knapp 30 Euro.

Es gibt inzwischen zahlreiche andere Kapseln, die nicht von Nespresso stammen. Bis zu dreißig Produkte buhlen um Käufer von Kaffeeröstern wie Dallmayr, Darboven oder Jacobs bis hin zu Einzelhändlern und Discountern. Branchenkenner schätzen, dass jede fünfte in Nespresso-Maschinen eingesetzte Kaffeekapsel das Produkt eines Wettbewerbers ist. Doch die meisten haben etwas gemeinsam: Sie sind nicht wiederverwendbar. Einige wenige sind kompostierbar, viele bestehen selbst aus Aluminium, manche aus Polypropylen. Eigenen Kaffee nutzen kann man so gut wie nie.

Erwin Meier bastelt bereits an der nächsten Innovation

Der Mann mit dem Allerweltsnamen hatte zum Zeitpunkt seines Einfalls bereits ein bewegtes Berufsleben hinter sich: Er lernte zunächst in Basel Uhrmacher, genau wie seine Eltern. Dann arbeitete er als Werbefotograf in Heidelberg, betrieb in Zürich die Wohnzimmer-Bar, leitete für zwei Jahre ein Durchgangslager für Asylbewerber in der Schweiz. Und er designte zwischendurch eine Formel-1-Uhr. Mit seiner Kapselerfindung brachte er schließlich mehrere Lebenslinien zusammen: Design, Mechanik, Genuss. Profit interessiere ihn wenig, sagt Meier: „Mein Grundschullehrer von vor fünfzig Jahren hat bei mir eine Kapsel gekauft, das ist eine unbezahlbare Erfahrung. Arbeit muss für mich nach Menschen riechen, nicht nach Geld.“

Dass Arbeit nicht alles im Leben dominieren darf, praktiziert Meier konsequent: Er wohnt zur Miete, will nicht von hohen Einnahmen und unternehmerischen Erfolgen abhängig sein. Sein Domizil in Zürich ist ein unscheinbares, schlicht eingerichtetes Haus – jedenfalls im Frühling und Sommer. Denn seit mehr als dreißig Jahren geht Meier jeden Winter auf Reisen. Versand und Produktion koordiniert er von unterwegs, hält den Aufwand dafür so gering wie möglich. Rund um den 10. Oktober startet er, bleibt meist fünf Monate in Asien, pendelt zwischen Thailand, Indonesien, Nepal und anderen Lieblingsorten. In Thailand und Indien kenne er Klöster, sagt Meier, wo er alles hinter sich lassen, völlig abschalten könne. „Ideen habe ich nie gesucht“, sagt der 55-Jährige. „Die sind oft auf Reisen entstanden oder auf einer Party. Manchmal würde ich gern mal aufhören zu denken.“ Beim Wellenreiten klappe das ganz gut, sagt er – oder beim Tauchen: „Eine Stunde nur gucken. Herrlich.“

Wenn dann doch etwas fertig ist in Meiers Denkfabrik, muss etwas Neues her: „Um Dinge herumkreisen, das ist mein Ding.“ Vor Kurzem ist auch eine Nachfüllkapsel für das „Dolce Gusto“-System erschienen. Aktuell feilt der umtriebige Tüftler zudem an einer Batterie, die Bewegungsenergie speichern kann. Und an einer Kaffeemaschine, die so puristisch wie möglich daherkommt. Sie könne etwas, das alle anderen nicht können – sagt Meier beinahe verschwörerisch. Für seinen eigenen Kaffeegenuss nutzt er dagegen ein höchst altmodisches Modell: „Ich habe eine wunderschöne alte italienische Maschine aus den Siebzigerjahren“, schwärmt er. „Ich liebe den Kaffee daraus.“

Mehr zum Thema