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Weshalb Videospiele den Superhelden in uns wecken

27.06.2018

Foto: Jean-Pierre Jans

 

Videospiele sollen nicht nur Spaß machen, sondern unterbewusst das Gehirn trainieren. Spieleforscher Christian Roth erklärt, wie das funktioniert und was Videospiele mit Medienkompetenz zu tun haben.

 

Eine Kreuzung, mitten in der Nacht. Von rechts ein Taxi. Vorfahrt hat allerdings Christian Roth. Aber das Taxi fährt unverändert weiter. Alles sieht nach einem Crash aus. Christian Roth verhindert ihn. „Ich bin mir sicher, dass meine kognitiven Fähigkeiten – insbesondere durch Videospiele – geschult waren, ich deshalb die Situation in Sekundenschnelle erfassen und so einen Unfall vermeiden konnte.“ Echt? So etwas soll gehen?

 

Herr Roth, was passiert mit uns, wenn wir ein Videospiel spielen?

Sehr viel! Je nach Spiel wird unsere volle Konzentration gefordert, um erfolgreich zu sein. Insbesondere wettbewerbs- und actionorientierte Videospiele führen zu Aufregung und Stress. Unser Körper reagiert darauf mit der Ausschüttung von Stresshormonen, die uns erhöhte Aufmerksamkeit, Wachsamkeit und Agilität verleihen. Evolutionär gesehen ergibt das Sinn, denn in einer brenzligen Situation muss sich unser Körper blitzschnell entscheiden: Konfrontation oder Flucht? Diese Hormone sind praktisch natürliches Doping, sie machen uns stark und schnell. Und das ändert sich auch im Alter nicht. Dabei sollte man aber darauf achten, dass sich zu viel Stress im Alter negativ auswirken kann.

 

Wie bemerken wir dieses "natürliche Doping" beim Videospielen?

Grundsätzlich laufen in unserem Gehirn dann die gleichen Mechanismen ab wie bei anderen komplexen Tätigkeiten, die schnelle Entscheidungen, Reaktionen und eine gute Hand-Auge-Koordination verlangen. Ohne dass wir etwas dagegen tun können, zieht unsere glatte Muskulatur bestimmte Organe zusammen: Atemwege, Verdauungsorgane und Blutgefäße zum Beispiel. Das führt zu einem höheren Blutdruck und schnellerem Herzschlag, die Verdauung wird verlangsamt. Unsere Pupillen weiten sich, unsere Sinne sind geschärft. Unser Gehirn kann so auch mehr Reize schneller verarbeiten. Man kann sich das wie eine Superheldenfähigkeit vorstellen, die die Zeit verlangsamt.

 

Stress klingt eher nicht nach Spaß am Spielen.

Ein weiterer Prozess kommt entscheidend hinzu: Das neuronale Belohnungssystem unseres Gehirns schüttet Dopamin aus, was uns Glück erfahren lässt. Dieser Prozess beeinflusst unser Verhalten: Erfolg versprechendes und erfolgreiches Lernen und Handeln wird damit gefördert. Videospiele machen sich dies zu eigen und bieten uns Herausforderungen, die unser Gehirn analysiert und bei Erfolg belohnt. Lernen ist ein essenzieller Teil von Computerspielen und macht daher einen großen Teil ihrer Faszination aus.

 

Spielerisch lernen?

Genau. Wir lernen besonders gut, wenn wir Dinge selbst erproben können. Um gezielt kognitive Fähigkeiten zu verbessern, ist es allerdings wichtig, dass Spiele genau die zu trainierenden Fähigkeiten herausfordern. Ein Transfer ist umso wahrscheinlicher, je ähnlicher die Spielaufgaben den realen Anforderungen sind.

 

Die Spielekonsole als Arbeitsplatz? „Leider nein“, sagt Forscher Christian Roth. Spiele stehen aber immer im theoretischen Mittelpunkt.

 

Zum Beispiel?

Chirurgen, die häufig Computerspiele mit Joystick gespielt haben, sind sicherer im Umgang mit mikroinvasiven Instrumenten als Kollegen, die erst in der Ausbildung damit konfrontiert werden. Und Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben, können beim Computerspielen in der Reha benachbarte Hirnrindenabschnitte dazu bringen, die Aufgaben der ausgefallenen Areale zu übernehmen. Je nach betroffenem Areal muss man dafür nur das passende Spiel aussuchen, sei es das kommerziell erhältliche Spiel Vertigo, gesteuert mit dem Wii Balance Board, oder ein speziell für Schlaganfallpatienten angefertigtes Spiel wie SensoMove. So wird spielerisch das Konzentrations- und Erinnerungsvermögen verbessert, Sprachfähigkeiten und Motorik nehmen wieder zu.

 

Sind Vielspieler im Vorteil gegenüber Leuten, die nur selten zum Controller greifen?

Logisch! Anfänger sind zuerst noch mit vielen Herausforderungen gleichzeitig konfrontiert und daher schnell überfordert. Mit einiger Übung lernt das Gehirn, Abläufe zu automatisieren, bis die Bedienung viel leichter von der Hand geht. Videospiele sind so designt, dass sie stetig motivieren, und daher besonders gut geeignet, kognitive und motorische Funktionen zu trainieren.

 

Wie steht es um die soziale Komponente?

Auch sie ist durch vielfältige Interaktionsmöglichkeiten gegeben. Mehrspielerangebote erfordern und fördern oft Teamfähigkeit und Kommunikation. Internationale Videospiele schulen Fremdsprachenkenntnisse. Im Unterricht vermitteln Computerspiele historisches, geografisches und wirtschaftliches Wissen zum Beispiel in „Age of Empires“, „Assassin’s Creed Origins“ und „Civilization“. Und durch den Umgang mit dem PC werden Nutzer zum Teil auf die digitale Berufswelt vorbereitet. So kann auch die viel beschworene Medienkompetenz geschult werden. Ohne Spiele hätte mich der Computer in der Jugend nicht sonderlich fasziniert. Letztlich konnte ich dann später mein Interesse für Videospiele und Psychologie gut kombinieren.

 

Spieleforscher? Wie wird man das?

Interaktive Welten haben mich bereits in meiner Kindheit begeistert. Gleichzeitig interessierte ich mich schon immer für das menschliche Erleben und Verhalten. Bereits im Psychologiestudium kombinierte ich diese beide Interessen und bin nun promovierter Wissenschaftler, Spieleforscher, Diplompsychologe und manchmal auch Spieledesigner.

 

Und was macht ein Videospielforscher? Den ganzen Tag zocken?

Leider nicht. Dafür ist keine Zeit. Spiele stehen aber immer im theoretischen Mittelpunkt: Im Bereich der angewandten Spiele geht es darum, die positiven Eigenschaften von Spielen sinnvoll zu nutzen. Dafür müssen wir verstehen, wie Videospiele konstruiert werden müssen, sodass sie gleichzeitig unterhaltsam und wirksam sind. Da kommen viele Disziplinen zusammen: Design, Kunst, Geschichte, Psychologie, Pädagogik, Informatik, Kommunikations- und Literaturwissenschaft, um nur einige zu nennen.

 

Und woran arbeiten Sie gerade?

Momentan leite ich einen Forschungszweig des Professorships for Interactive Narrative Design und beschäftige mich mit Design und Evaluation des Unterhaltungserlebens von interaktiven Geschichten, Videospielen und Virtual-Reality-Angeboten. Wenn Nutzer die Handlung eines Spiels gezielt beeinflussen können, lassen sich lebensähnliche Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln erleben und wir können komplexe Sachverhalte verständlicher darstellen – zum Beispiel wie Populismus wirkt oder wie es sich anfühlt, Migrant in einer fremden Kultur zu sein. Diese Spielerfahrungen wollen wir besser verstehen und wenn nötig optimieren. Studenten der Medienhochschule Amsterdam entwickelten beispielsweise ein 360-Grad-Video, das Versuchsteilnehmer per VR-Brille und Kopfhörer mitten in eine Party versetzte. Deren Verlauf konnten sie beeinflussen. Ziel war es, dem besten Freund zu einem Heiratsantrag zu verhelfen. Bei der Studie haben wir zu unserem Erstaunen herausgefunden, dass akustische Rückmeldungen zu Erfolgserlebnissen das Gefühl von Effektivität nicht verstärken, sondern sich im Gegenteil negativ auf das virtuelle Erlebnis auswirken. Ein wichtiges Ergebnis für die Entwicklung von virtuellen Realitäten!

 

Spielen Sie selbst denn privat auch noch gern Videospiele?

Wenn man den Tag über mit Spieletheorie, Spieledesign, dem Erfassen und Auswerten von Spielerfahrung zu tun hat, ist ein davon losgelöstes Spielen nicht mehr so einfach. Da ein gutes Spiel es versteht, einen in seinen Bann zu ziehen, passiert es zum Glück aber trotzdem noch, dass ich die Arbeit vergesse und mich ganz dem Spielerlebnis hingeben kann.

 

ZUR PERSON:

Dr. Christian Roth ist Diplompsychologe und promovierter Kommunikationswissenschaftler. Seit 2004 betreibt er Spieleforschung, momentan forscht und lehrt er an der Kunsthochschule in Utrecht und der Medienhochschule in Amsterdam.
www.spieleforschung.de
Twitter: twitter.com/spieleforscher

 

Seit seiner Kindheit von interaktiven Welten begeistert: Spieleforscher Christian Roth. (Foto: Jules Dacanay)