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Code Berlin: Studieren wie im Start-up

14.06.2018

Fotos: Marcus Reichmann

 

In der Factory Görlitzer Park in Berlin werden Kinderträume wahr. In der ersten Etage des umgebauten Fabrikgebäudes steht ein riesiges Bällebad. Selbst Erwachsene können in dem etwa zehn Meter langen und vier Meter breiten Becken untertauchen. Es ist nicht bekannt, wie oft die Mitarbeiter der vielen Start-ups, die hier Quartier bezogen haben, zwischen den Plastikbällen plantschen. Eines ist aber belegt: Seit dem Einzug der Code University of Applied Sciences im Herbst 2017 dient das Bällebad zeitweise als Seminarraum.

 

Projektbasiertes Studium

Till Prigge kann das bezeugen. Der 19-Jährige zählt zu den ersten 88 Studenten der Code, wie die Hochschule auch genannt wird. Prigge absolviert den Bachelorstudiengang Product Management. Irgendwann soll er „Strategien und Konzepte für digitale Produkte entwickeln und deren Entwicklung koordinieren“, heißt es in einem Flyer. Um das zu lernen, besucht der Lüneburger jedoch keine Vorlesungen. „Wir haben keinen Lehrplan, den wir abarbeiten. Das Studium ist projektbasiert, und wir lernen immer das, was wir für die Umsetzung des aktuellen Projekts brauchen“, erklärt Prigge beim Besuch vor Ort.

 

Momentan arbeitet der Student mit Kommilitonen an einer App, in der sich Menschen anonym über Probleme austauschen können. Ein soziales Netzwerk soll entstehen, in dem es um Achtsamkeit und gesunde Ernährung geht. Das Projektteam besteht aus Studenten aller drei Studiengänge der Code. Prigge koordiniert als Produktmanager die Arbeit von je drei angehenden Software-Ingenieuren und Webdesignern. Um sich abzusprechen, treffen sie sich schon mal im Bällebad. Die Studenten agieren weitgehend eigenständig und fast wie in einem echten Unternehmen. „Wir simulieren den Arbeitsalltag. Es geht darum, nicht einfach nur irgendwas zu lernen, sondern Wissen direkt anzuwenden“, sagt Prigge.

 

Till Prigge studiert an der CODE Produkt Management. Ein Programmierer ist er nicht, aber er

lernt im Studium, wie man ein Team von Software-Ingenieuren und Grafik-Designer führt.

 

Fähigkeiten statt Noten

Auf sich gestellt sind die Studenten nicht. Mentoren, so heißen hier die Dozenten, begleiten die Projekte. Sie vermitteln bei Bedarf Hintergrundwissen und greifen ein, wenn es nicht läuft. Noten allerdings verteilen sie nicht. Die gibt es an der Code nicht. Die Studierenden eignen sich stattdessen Fähigkeiten an, die in einem sogenannten Kompetenzraster erfasst werden. So wird etwa festgehalten, wie viele Programmiersprachen jemand beherrscht oder ob Kenntnisse über digitale Geschäftsmodelle vorhanden sind. Die Absolventen starten mit einem individuellen Profil ins Berufsleben. Der Abschluss ist staatlich anerkannt.

 

Praxis first, Theorie second – viele folgen diesem Ruf. Zum Start bewarben sich 2000 Interessierte. Die Studiengebühren von knapp 27.000 Euro schreckten die Kandidaten nicht ab. Genauso wenig wie das Bewerbungsverfahren, während dem die Aspiranten bei Projektarbeiten unter Beweis stellen mussten, dass sie problemorientiert denken und soziale Kompetenzen mitbringen.

 

Die Nachfrage erklärt sich auch dadurch, dass namhafte Unternehmen hinter der Code stehen. Firmen wie Zalando, Trivago und Xing unterstützen die Hochschule. Sogar Facebook ist mit an Bord. Die Studierenden können davon ausgehen, gut bezahlte Jobs zu finden. Die Unternehmen dürfte der Zugriff auf die digitalen Pioniere von morgen reizen.

 

Frontalunterricht findet an der CODE nur selten statt. Meist lernen die Studenten miteinander und anhand eines konkreten Projekts.

 

Fachkräftemangel

Denn schon heute gibt es in Deutschland viel zu wenige Fachkräfte, die digitale Projekte realisieren können. Laut einer Studie des Verbandes Bitkom fehlten Ende 2017 in Deutschland 55.000 IT-Spezialisten. Gesucht werden vor allem Software-Entwickler. Juliane Petrich, Bildungsexpertin bei Bitkom, beklagt, dass im Grundstudium der Informatik „oft die Praxisorientierung“ fehle. „Die Unternehmen erwarten, dass Absolventen nicht nur über ein fundiertes theoretisches Wissen verfügen, sondern es auch in der Praxis anwenden können“, sagt sie.

 

Die praktische Ausrichtung war auch für Student Prigge der entscheidende Punkt: „Ich bin niemand, der in einer Vorlesung eineinhalb Stunden konzentriert mitschreiben kann“, sagt er. Und später erklärt er gestenreich: „Ich will das Wissen nicht nur im Kopf haben, sondern in den Händen.“ Dass er auch an einer staatlichen Hochschule etwas Passendes hätte finden können, ist für Prigge schwer vorstellbar.

 

Die Studenten starren nicht nur auf Ihre Laptops. Hier kleben Gedanken und Ideen für eine App auf Zetteln an der Wand.

 

Staatliche Elfenbeintürme?

Doch ist die staatliche Ausbildung so schlecht? Nein, sagt Prof. Dr. Michael Goedicke, Vizepräsident der Gesellschaft für Informatik (GI), in der sich Informatiker aus Wissenschaft und Wirtschaft organisiert haben. „Grundsätzlich würde ich unsere Hochschullandschaft mit den Universitäten und den Hochschulen für angewandte Wissenschaften und deren Angebote als inhaltlich sehr gut bezeichnen“, sagt der Professor für Software-Systeme an der Universität Duisburg-Essen.

 

Die Hochschulen sind laut Goedicke keine Elfenbeintürme. Zu vielen Informatikdisziplinen gehöre der Anwendungsbezug dazu, etwa bei der Wirtschafts- oder Bioinformatik. „In zahlreichen Studiengängen ist Projektmanagement ein integraler Bestandteil“, sagt Goedicke. Wenn die Code von einem völlig neuen Bildungskonzept spreche, sei daher „viel Marketing dabei“. Andererseits begrüßt der Professor die Neugründung. Sie könne etablierten Hochschulen einen Impuls geben.

 

Die Studenten bewegen sich frei in der Görlitzer Park Factory, wo zahlreiche Start-Ups Büros eingerichtet haben.

Auch Großkonzerne wie Audi haben hier Thinktanks gegründet.

 

Fehlt die Wissenschaftlichkeit?

Genau darauf hofft Thomas Bachem. Der Unternehmer hat die Gründung der Code initiiert. Heute ist er ihr Kanzler. Wie es der versprochenen offenen Atmosphäre an der Hochschule entspricht, treffen wir den 32-Jährigen im Café im Erdgeschoss der Factory, wo junge Menschen mit Macbooks auf bunten Sesseln sitzen. „Ich denke, dass System muss sich wandeln, und die Verantwortlichen wissen das auch“, sagt Bachem zum vermeintlichen Kulturkampf mit etablierten Bildungsträgern.

 

Kritiker werfen der Code vor, die Wissenschaftlichkeit zu vernachlässigen. Dagegen wehrt sich Bachem. Die Code müsse und wolle forschen. Das ginge heute aber auch im Unternehmensumfeld. Eine Trennung zwischen praktischer Arbeit und Forschung sei nicht zeitgemäß, erklärt Bachem. Als Beleg führt er den Bereich Big Data an. „Wir haben außerdem nicht das Problem, dass es an guter Forschung fehlt, sondern an guter Lehre.“ Das neue Lernkonzept der Code sei insofern auch eine Innovationsleistung.

 

An der CODE herrscht kreatives Chaos. Die Umbau der Räume in der Görlitzer Park Factory dauert noch an.

 

Gründergeist

Bachem ist der führende Kopf der Code. Er brachte sich das Programmieren selbst bei. Im Alter von 19 Jahren gründete er das Videoportal Sevenload. Weitere Start-ups folgten. Weil er die Firmen jeweils weiterverkaufte, soll Bachem mit Ende zwanzig bereits Millionär gewesen sein.

 

Diesem Vorbild eifern die Studenten nach. „The sky is the limit“, sagt Till Prigge. Es sei gut möglich, dass er mit Kommilitonen aus einem Projekt heraus eine Firma gründet. Kürzlich hat Prigge erst einmal einen Job als Werkstudent bei einem der Start-ups in der Factory angenommen.