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Selftracking: Die Vermessung des eigenen Ichs

14.12.2017

Fotos: AdobeStock

Florian Schumacher ist Selftracker der ersten Stunde. Seit sieben Jahren misst er im Alltag persönliche Daten, die ihm dabei helfen sollen, einen gesünderen und effektiveren Lebensstil zu führen. Mit Erfolg: Der 37-Jährige ist fitter und zufriedener denn je.

 

Herr Schumacher, wie haben Sie heute Nacht geschlafen?

Gute Frage, ich habe mir die Daten noch gar nicht angesehen … (tippt auf dem Handy herum) So, wie es aussieht, hatte ich einige Wachphasen und brauchte etwas Zeit zum Einschlafen. Die reine Schlafzeit betrug also nur vier Stunden und fünfzig Minuten – ich hätte auf sechs Stunden getippt.

 

Seit wann tracken Sie denn?

(überlegt) Seit 2010. Da habe ich mein iPhone bekommen und meine Notizen und meinen Kalender bereits digital gepflegt. Mit dem Smartphone wollte ich auch meine sportlichen Betätigungen digital planen und habe schnell gemerkt: Man kann sich vieles eintragen, das heißt aber nicht, dass dann auch etwas passiert. Die Motivation kommt erst durchs Tracken und die Daten, die ich daraus ziehen kann.

 

Selftracking ist für Sie eine Antriebshilfe?

Klar, am Anfang hat das Thema Motivation eine große Rolle gespielt. Es ging für mich darum, meine gesetzten Ziele in eine Gewohnheit zu überführen und einen konstruktiveren Lebenswandel zu pflegen. Mittlerweile interessiert mich aber vor allem, was ich mit Bluttests und Gentests über meinen Körper herausfinden kann.

 

Insbesondere beim Sport werden Daten durch Fitness-Apss erhoben.

 

Und was wäre das?

Die analytischen Erkenntnisse helfen mir dabei, meine Ernährung zu verbessern. Vor allem spezielle Biomarker wie Vitamin D, Vitamin D12 und das Verhältnis von Omega-3- zu Omega-6-Fettsäuren sind für mich spannend, denn heute weiß ich: Ein zu hoher Anteil an Omega-6-Säuren ist auf lange Sicht ein Risikofaktor für Herzkrankheiten. Damit ich meine Gensequenz immer wieder analysieren kann, habe ich vor Jahren eine Speichelprobe in die USA geschickt, um mein Erbgut sequenzieren zu lassen.

 

Klingt aufwendig. Welche Daten sammeln Sie noch?

Mit einer Apple-Watch messe ich meine Bewegung im Alltag und meine sportlichen Leistungen, wenn ich laufe oder Krafttraining mache. Für die Schlafmessung trage ich ein Armband von Fitbit. Am Rennrad habe ich außerdem Sensoren. Alle paar Wochen messe ich auch mein Gewicht und meine Körperstruktur, sprich: den Körperfett- und -wasseranteil. Ansonsten verzeichnet mein Computer noch, wie viel ich an ihm arbeite und was ich mit welchem Programm mache. Und in der Wohnung befinden sich CO2-Sensoren, um sicherzustellen, dass die Luftqualität gut bleibt.

 

Da kommt einiges zusammen. Können Sie vor lauter Selftracking Ihr Leben überhaupt noch genießen?

Mehr denn je.

 

Was waren für Sie die überraschendsten Selftracking-Erkenntnisse?

Ich habe mich insgesamt besser kennengelernt. Ich habe beispielsweise zwei Jahre lang protokolliert, was ich mit meiner Zeit anstelle – und festgestellt, dass ich zu viel Zeit fürs Einkaufen aufgewendet habe. Seitdem bestelle ich online. Außerdem verbringe ich wenig Zeit damit, Bücher zu lesen. Deshalb höre ich mittlerweile bei jeder Gelegenheit Hörbücher und habe so wieder die Möglichkeit, mich mit komplexen Inhalten aus Sachbüchern auseinanderzusetzen.

 

Fitness-Apps gehören für viele Jogger beim Laufen dazu.

 

Wie reagieren Ihre Freunde und Bekannten eigentlich auf Ihre Selftracking-Leidenschaft?

(schmunzelt) Sagen wir mal: Mit Interesse und gelegentlich ein wenig Neid über die Erkenntnisse und Erfolge, die ich damit erziele …

 

Hat das Selftracking Ihr Leben verändert?

Ja, das würde ich sagen. Früher war ich eher unsportlich beziehungsweise spielte Sport keine große Rolle. Auch die Ernährung war mir nicht so wichtig. Heute treibe ich fünfmal die Woche Sport und bereite fast achtzig Prozent meiner Mahlzeiten aus hochwertigen Zutaten selbst zu – auch wenn alles nicht pedantisch sein soll und im Alltag gut funktionieren muss. Letztendlich hat es mich sehr motiviert zu sehen, dass man mit kleinsten Veränderungen so viel Positives erreichen kann.

 

Sind dies auch Dinge, die Sie mit anderen Mitgliedern der deutschlandweiten Quantified-Self-Gruppen bei Treffen besprechen?

Genau, wir sprechen über neue Trends und individuelle Erfahrungswerte. Außerdem wird in Vorträgen über die Hintergründe der Quantified-Self-Bewegung geredet.

 

Welche Erfahrungswerte können Sie denn Einsteigern mit auf den Weg geben?

Zum Beispiel, dass Geräte nicht zaubern können. Nur weil man sich ein Fitnessarmband kauft, heißt das nicht, dass man ohne Zutun sportlicher wird – man muss schon Einsatz zeigen. (lacht) Zudem sollte man sich darüber im Klaren sein, dass man gewisse Werte nur als Indikator nehmen sollte. Beispiel: Eine Körperfettmessung auf einer normalen Waage ist nicht präzise und bei jedem Modell unterschiedlich. Noch ein wichtiger Punkt ist, auf etablierte Anbieter zu setzen – auch wenn es auf dem Trackingmarkt eine hohe Dynamik gibt. Es kann nämlich passieren, dass Unternehmen lange sehr erfolgreich sind und ihre Produktion dann doch einstellen müssen.

 

Sie haben eben selbst vom Einsatz beim Sport geredet. Nimmt Tracking nicht den Spaß?

Das ist eine Typfrage. Fest steht: Dank der Technik kann man die eigene Leistung nachvollziehen und sich mit anderen vergleichen. Wenn man einen wettkampforientierten Sport betreibt und selbst eine entsprechende Einstellung hat, ist das eine gute Unterstützung. Außerdem gab es früher auch schon Stoppuhren. Ich persönlich bin aber kein extrem wettkampforientierter Typ. Die größte Belohnung, die ich vom Sport habe, ist, mich wohlzufühlen. Übrigens trainiere ich zusätzlich mit einem Personal Trainer, der mir bestimmte Techniken beibringt – das kann der immer noch besser als jede App! (lacht)

 

Dennoch wird die Technik immer besser. Kritiker befürchten, dass damit auch eine Art Dauerüberwachung einsetzen könnte.

Da muss man differenzieren: Das eine ist, dass Daten entstehen, und das andere ist, dass sie genutzt werden. Schließlich können sie ja auch gespeichert werden, ohne dass ich sie sehe – oder jemand anderes. Man sollte sich nicht verrückt machen, dass jetzt permanent eine Überwachung stattfindet. Primär bin noch immer ich derjenige, der mich überwacht.

 

Ist es auch mal sinnvoll, Messdaten weiterzugeben?

Unter medizinischen Aspekten ist es definitiv wertvoll, möglichst viele Daten zu haben. Zum Beispiel kann ich bereits heute meine Genomanalysen auf einer Datenbank bereitstellen und Mediziner bei Bedarf schauen lassen, welche Veranlagungen ich habe. Auch für chronische Patienten, wie Diabetiker oder Menschen mit Bluthochdruck, sind diese Messungen sehr sinnvoll. Perspektivisch kann chronischen Erkrankungen durch diese Art von Vorratsdatenspeicherung vorgebeugt werden, denn gewisse Tendenzen lassen sich bereits früh erkennen.

 

Klingt, als könnte ein ganz neues Lebensniveau erreicht werden.

Definitiv. Es wird sich durch die vermehrte Nutzung persönlicher Daten wie zum Beispiel der Gensequenz in der Gesundheitswirtschaft einiges ändern. Patienten werden keine Standardpräparate bekommen, sondern es wird nach individuellen Lösungswegen gesucht werden. Auch im Bereich der digitalen Assistenten wird die Entwicklung spannend sein. Geräte wie „Alexa“ werden uns immer besser lesen können. Möchte man sich künftig die passende Musik heraussuchen lassen, wird der Assistent erkennen können, wie fit man ist und welche Musik zum Zustand passt. Einen ähnlichen Fortschritt könnte es im Bereich Smarthome geben – zum Beispiel, wenn es darum geht, das richtige Licht einzustellen oder entsprechend zu heizen.

 

Damit Ihre Trackingdaten auch bei einem Smartphone-Schaden keine allzu großen Lücken aufweisen, empfehlen wir unseren Komplettschutz.
 
Zur Person:
Florian Schumacher ist Selftracker der ersten Stunde, Gründer von Quantified Self, einer Community der Selftracker, und Co-Autor des Buchs "Big Data in der Medizin und Gesundheitswirtschaft". Auf seinem Blog "igrowdigital" testet er Trackingprodukte und gibt Usern nützliche Tipps. Zudem berät er Unternehmen in Sachen digitale Gesundheit.